Rezensionen

Björn Springorum – Spiegel des Bösen {Buchrezension}

3. Mai 2017

Der Name des Autors, dessen Buch ich heute vorstellen möchte, ist mir nicht unbekannt. Björn Springorum tauchte das erste Mal in meinem Blickfeld auf, als ich das Cover von »Der Ruf des Henkers« bei Thienemann-Esslinger entdeckte. Mit »Spiegel des Bösen« erschien erneut ein Jugendbuch in diesem Verlagshaus und weckte beim gemeinsamen Bloggertreffen mit Carlsen auf der Leipziger Buchmesse mein Interesse. Allein der sympathische Auftritt des Autors blieb mir im Gedächtnis und daher war ich sehr gespannt, ob der abenteuerlich-gruselige Roman nun letztendlich für spannende Momente sorgen würde.

Spiegel des Bösen

Als Sophies Vater ihr eröffnet, dass sie ihre gemeinsamen Ferien irgendwo am Allerwertesten der Welt, genauer gesagt im Grandhotel Rabenfels, verbringen werden, da ihr Vater dort für sein Buch zu recherchieren gedenkt, ist das junge Mädchen wenig begeistert. Das können ja heitere Ferien werden. Wie sehr Sophie sich da doch geirrt hat, erkennt sie, als ihre Eltern plötzlich verschwinden und sie selbst sich in einem uralten Gebäude wiederfindet, welches vor Geheimnissen, Mythen und merkwürdigen Gestalten nur so wimmelt. Auf der Suche nach ihrer Familie muss Sophie erkennen, dass jenseits ihrer plötzlich so nichtig klingenden Probleme Dinge existieren, die weit über ihre Vorstellungskraft hinausgehen…

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Dass das Cover ein Hingucker ist, fiel mir schon auf der Leipziger Buchmesse auf. »Spiegel des Bösen« macht einen wahrhaft schaurigen Eindruck. Mit seinem, in kontrastreichen, kräftigen Farben gehaltenen Cover mitsamt den darauf zu sehenden schaurigen Gestalten, ausgestreckten Händen, die nach etwas zu greifen versuchen und einer geheimnisvollen Mädchengestalt. Ein gelungener Vorgeschmack auf das, was mich zwischen den Buchdeckeln erwarten würde. Illustrator Max Meinzold, der auch schon bei Springorums Abenteuerroman »Der Ruf des Henkers« und einen meiner Lieblingskinderbuchtitel für die Gestaltung des Buchumschlags verantwortlich war, hat wieder einmal sehr gute Arbeit geleistet und die wichtigsten Aspekte der Geschichte sehr gut aufgegriffen.

Lust auf ein gruseliges Abenteuer? Hereinspaziert!

Als ich zu »Spiegel des Bösen« griff, tat ich das vor allem aus einem Grund: Mir war wieder einmal nach einer entspannten, abenteuerlichen Lektüre. Ich wollte aus dem Alltag abgeholt werden, in einer gruseligen Atmosphäre versinken und erst auf der letzten Seite des Buches wieder auftauchen. Die ersten Seiten flogen wie der Wind. Der Autor hielt sich nicht lange mit Beschreibungen auf und schob mich durch die quietschende Drehtür von Hotel Rabenfels hindurch direkt in die Story hinein. Keine Chance, dem zu entrinnen! Dieses flotte Erzähltempo war in diesem Moment genau das Richtige für mich, da meine vorhergehende Lektüre durch ein weitaus langsameres Pacing geprägt war.

Leider musste ich mich nach etwa der Hälfte der Lektüre durch ein paar Längen kämpfen, die auch für eine längere Lesepause zwischendurch sorgten. Das lag nicht zuletzt auch an der Hauptfigur, worauf ich gleich zu sprechen kommen möchte.

Eine spannende Geschichte mit schwächelnder Protagonistin

Protagonistin Sophie ist ein typischer Teenager, die gerade so gar keine Lust auf einen „spannenden“ Ausflug in ein Hotel hat. Was soll sie denn bitte in so einem staubigen, alten Kasten mit ihrer Zeit anfangen, während ihr Vater damit beschäftigt sein wird, angeblich geheime Räume zu finden, Baupläne zu wälzen und mysteriöse Karten zu entziffern? Als Sophie das Hotel betrat, konnte sie noch nicht ahnen, wie sehr sich ihr Leben in Kürze verändern würde. Kurz nachdem die Familie ihr Zimmer bezogen hatte, veränderte sich plötzlich – nach Verlassen desselbigen – die Kulisse, die Atmosphäre, selbst die Gäste und Angestellten des Grandhotels.

„Hotels sind übersinnliche Orte, in denen viele ihr Leben ließen, da spukt es von Natur aus. Ein Grandhotel vergisst nie. Seine Wände haben mehr Geheimnisse gehört als ein Priester. Was sie uns wohl erzählen würden, wenn sie sprechen könnten?“ – Seite 21

Sophie fand sich zwischen Menschen in mottenzerfressener Kleidung, staubigem Mobiliar und merkwürdig blitzblank geputzten Spiegeln wieder. Die Tatsache, dass das junge Mädchen von keinem Gast mehr wahrgenommen wurde – abgesehen vom Concierge des Hotels und drei weiteren Jugendlichen, die sich im Keller des Hauses aufhielten, wirkte ebenfalls nicht gerade beruhigend auf die 15jährige. Was auf den nun folgenden 56 Kapiteln geschah, machte auf mich bereits nach wenigen Kapiteln den Eindruck, als handele es sich um eine Art temporalen Phänomens. Ob ich richtig lag, möchte ich nun nicht verraten. Das müsst ihr selbst herausfinden.

Obwohl ich relativ früh ahnte, wohin mich Björn Springorums atmosphärischer Plot führen wollte, las ich mit Begeisterung Seite um Seite, rätselte mit Sophie und ihren Freunden, welches Geheimnis sich im Inneren des alten Gebäudes verbarg und wie sie dieses Abenteuer wohl heil überstehen könnten. Zu meinem Bedauern machte mir Sophie nach einigen Kapiteln das Leben unnötig schwer, obwohl ich die Figur an sich durchaus mochte.

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Das Mädchen wirkte zeitweise aus meiner Perspektive deutlich zu abhängig von der Hilfsbereitschaft ihrer neu gewonnenen Freunde. Ich habe eindringlich versucht, sie zu verstehen; gerade auch im Hinblick darauf, dass sie offenbar ihren 15 Jahren schon ein belastendes Päckchen auf der Seele mit sich herumtrug. Das erklärt aber nicht, warum man sie beinahe durchgehend auf jede Kleinigkeit hinweisen musste, die zu einer Lösung führen könnte. Wenn sie mal wieder feststeckte und nicht weiterkam, konnte man mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass jemand oder etwas ihr zu Hilfe eilte oder ihr einen wie auch immer gearteten Gegenstand in die Hand drückte. Diese auf mich zu überzeichnet wirkende Unselbstständigkeit einer sonst so mutig dargestellten Protagonistin trübte bedauerlicherweise mein Lesevergnügen.

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Natürlich sprechen wir hier von einem Teenager. Mit all seinen Ecken und Kanten, Sorgen und Problemen. Ich bin selbst Mutter eines pubertierenden jungen Mädchens und weiß, wie sie manchmal sein können. Das bedeutet aber im Umkehrschluss nicht, dass ein junger Mensch nicht fähig ist, selbstständig zur einer Lösung zu finden, ohne dass man ihm oder ihr gleich ein Problemlöser-Gimmick darreichen muss. Natürlich unterstützt man immer wieder gern, aber ist es nicht umso motivierender, wenn man etwas selbst bewältigt hat? Das irritierte mich dann doch etwas.

Eastereggs? Ja bitte!

Apropos Problemlöser-Gimmicks. Die Geschichte platzt geradezu vor Eastereggs, was mir wiederum ganz gut gefiel. Oft genug erkannte ich Parallelen zu einem sehr beliebten Zauberlehrling – der übrigens mindestens genauso abhängig von (magischen) Hilfsmittelchen und Freunden war wie Sophie. Ebenso offenkundig wie die Sympathie zu Harry Potter zeigte sich die Liebe des Autors zu berühmten Vertretern des Fantasygenre wie Herr der Ringe und Alice im Wunderland – und das muss man dem Autor lassen: Björn Springorum schreibt sehr mitreißend, setzt viele Ideen sehr farbenfroh um und brachte mich mit seinen humorvollen Sidekicks desöfteren zum Schmunzeln. Darüber hinaus setzt er seine Figuren in eine unglaublich intensiv beschriebene Kulisse, die mir ein ums andere Mal Gänsehaut über den Arm wandern ließ. Sollten Sie diese Besprechung nun lesen, lieber Herr Springorum, dann sage ich nur: Treppe! Pfui Spinne! War das eklig! Ich hätte mir mehr spektakuläre Szenen dieser Art gewünscht, da gerade die letzten Kapitel auf dem Weg zum Finale langatmig wirkten.

Obwohl ich mit Sophie so meine Probleme hatte, wussten die interessant gezeichneten Nebenfiguren diese kleine Schwäche gekonnt auszugleichen. Ihr könnt euch sicher sein, dass auch ihr den einen oder anderen charmanten Akteur in diesem gruseligen Jugendbuch ins Herz schließen werdet. Stichwort Herz: Die Liebesgeschichte, welche sich allmählich entwickelt, wirkte auf mich etwas deplatziert, trägt aber in erster Linie die aus meiner Perspektive so wichtige, eigentliche Botschaft des Buches an den jungen als auch erwachsenen Leser heran: Liebe ist stärker als Hass. Rache mag für den Moment sehr befriedigend sein, doch hinterlässt er schlussendlich nur Leere im Herzen. Das sollte sich wirklich jeder einmal bewusst machen.

Mein Fazit: »Spiegel des Bösen« ist ein atmosphärischer Jugendroman mit einer jungen Protagonistin, der mich gut zu unterhalten wusste und trotz kleiner Schwächen für spannende Lesestunden sorgte. Wer gerne für ein paar Nachmittage in eine gruselige Kulisse abtauchen will und gemeinsam mit vier sympathisch gezeichneten Freunden dem Geheimnis dieses schaurigen Hotels auf die Spur kommen möchte, der ist mit diesem Buch sehr gut beraten. Nicht zuletzt die zahlreichen, gekonnt platzierten Rückblenden ins 19. Jahrhundert, die Licht ins Dunkel des schaurigen Gemäuers bringen sollten, entwirrten allmählich den Knoten im roten Faden und sorgten für ein spannendes, zufriedenstellendes Finale mit der einen oder anderen Überraschung. Ich verlasse das Hotel Rabenfels mit dem Gefühl, gut unterhalten worden zu sein und verewige mich daher im Gästebuch mit knappen vier Herzen. Dankeschön, auf Wiedersehen (im nächsten Buch des Autors) und: Achtet auf die Spiegel.

Meine Bewertung:


Spiegel des Bösen | Björn Springorum
Thienemann-Esslinger Verlag | Februar 2017 | ab 13 Jahren
Hardcover, 384 Seiten | 978-3-522-20230-5 | 14,99€
zum Buch beim Verlag


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2 Comments

  • Reply protagonistplaces 9. Mai 2017 at 10:59

    Schöne Rezension – ich mochte das Buch selbst sehr gerne und fand die Figuren allesamt super schön gestaltet. :-)
    Liebe Grüße,
    Bianca

    • Reply Sandra 3. Juni 2017 at 14:04

      Danke dir, liebe Bianca ♥ freut mich sehr, dass es dir auch so gut gefiel. ich bin gespannt, was wir von Björn Springorum noch zu erwarten haben :)

      Liebe Wochenendgrüße
      Sandra

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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