Rezensionen

Saskia Sarginson – Zertrennlich {Buchrezension}

12. Juli 2014

Liebe Jugendbuchleser,

Samstag. Wochenende. Lesezeit – worin steckt ihr eure Lesenasen denn gerade? Ich habe so eben ein Buch beendet, das Ende Juli bei Script5 erscheint und möchte es euch heute vorstellen. Im Rahmen einer Blogaktion durfte ich als eine von 10 glücklichen Blogger*innen schon vorab einen Blick in den neuen Jugendroman von Saskia Sarginson werfen und werde euch jetzt gar nicht lange auf die Folter spannen. Ein ernstes Thema erwartet uns, eine Geschichte rund um zwei Menschen, die einen Kampf mit sich und der Welt ausfechten, auf der Suche nach Glück, Liebe, Hoffnung und Seelenfrieden.

Jede geht ihren Weg…

zertrennlichIsolte und Viola sind eineiige Zwillinge. Doch so sehr sie sich in ihrer Kindheit äußerlich ähnelten, so sehr haben sie sich als erwachsene Menschen voneinander entfernt. Isolte arbeitet als erfolgreiche Moderedakteurin in einer angesehenen Londoner Zeitungsredaktion, während Viola sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlug. Seit geraumer Zeit liegt sie nun aufgrund ihrer Magersucht in einer Klinik. Isolte macht sich große Sorgen um ihre Schwester und beschließt, auf der Suche nach dem Grund für Violas Zustand erneut in ihrer gemeinsamen Vergangenheit einzutauchen. Sie reist zurück an den Ort, an dem alles seinen Anfang nahm. Damals, im Sommer 1987…

Zwillinge, ein Herz und eine Seele, eine gleicht der anderen, untrennbar miteinander verbunden – das ist der erste Eindruck, den mir das Coverbild vermittelt. Der Titel – in robusten Lettern, so als hätte jemand mit dem Kuli gewütet – bildet einen typografischen wie auch inhaltlichen Kontrast zu dieser trauten Zweisamkeit. Mir gefällt dieser texturierte Look sehr gut, welcher auch für den Buchtrailer übernommen wurde. Damit greift Script5 das englische Originalcover auf, eine gute Entscheidung, es passt einfach gut zur Story zwischen den Buchdeckeln.

Schwieriger Einstieg…

Zertrennlich – der Titel spricht eine deutliche Sprache und ein wenig passt er auch zum ersten Eindruck, den ich von diesem Buch hatte. »Zertrennlich« und ich, wir waren nicht von Anfang an ein Herz und eine Seite. Die ersten Kapitel, vielmehr die ersten 50 Prozent des Buches blieben unaufgeregt, beinahe langweilig. Es passierte nicht viel, es sei denn, man wurde von der Geschichte in die Vergangenheit zurückgeworfen. Die Lebendigkeit dieser Rückblenden stand stark im Kontrast zur beinahe statisch wirkenden Gegenwart, wobei ich zugeben muss, dass ich jedes Mal ein wenig Orientierungszeit benötigte, bis mein Geist begriffen hatte, dass die Handlung nun wieder in die Jugend der Zwillinge gewechselt war. Nichts deutete vorher darauf hin, weder Jahreszahlen, Daten noch Kapitelüberschriften. Urplötzlich blendete die Story wieder in die Zeit um 1987, 15 Jahre vor den aktuellen Geschehnissen, und sorgte ein ums andere Mal für zeitweilige Verwirrung. Hier fehlte ganz einfach eine deutlichere Strukturierung der temporalen Abläufe. Zusätzlich zu den Zeitsprüngen wechselte die Autorin ihre Erzählperspektive. Mal berichtete Viola ihre düsteren Eindrücke in der Klinik, während in London das bunte, aufregende Leben Isoltes nachgezeichnet wurde. Violas Figur wurde dabei aus der Ich-Perspektive beschrieben, während Isolte aus personaler Erzählsicht berichtete – vielleicht ein dezenter Hinweis darauf, auf welche Protagonistin Saskia Sarginson den Fokus gelegt hat? Diesen Eindruck wurde ich jedenfalls nicht los.

Manchmal fragte ich mich, ob wir eigentlich dieselben Träume hatten. Die Vorstellung, dass wir in unterschiedlichen Welten umherwandern sollten, erschien mir völlig abwegig. Irgendwo in der Mitte, überlegte ich, mussten wir uns doch treffen. An einem Schlummerort, und dort, so stellte ich mir vor, winkten wir einander zu und flogen davon in unsere Traumlandschaften. – Seite 130

zertrennlichStück für Stück begab ich mich mit den Zwillingen Isolte und Viola auf Spurensuche in ihre gemeinsame Vergangenheit – um zu ergründen, weshalb die beiden sich so ungewöhnlich weit voneinander entfernt hatten. Zwei Seelen, welche früher als Einheit funktionierten wie zwei Teile eines Ganzen, waren nun distanziert, bar jedweden Vertrauens und durchsetzt von zermürbenden Schuldgefühlen. Viola – in sich zurückgezogen, magersüchtig – verband so gut wie nichts mehr mit ihrer lebensfrohen Schwester. Was also geschah vor 15 Jahren? Was brachte dieses genetisch wie emotional eng  miteinander verbundene Gefüge so dermaßen aus dem Gleichgewicht? Natürlich kann ich euch das nicht verraten, das wäre ein gnadenloser Spoiler – aber die Autorin verstreut derart geschickt hier und da ein paar vage Andeutungen und winzige Informationshäppchen, so dass man sich beim Lesen plötzlich beim wilden Spekulieren ertappt. Den Rest erledigt die natürliche Neugierde – denn man will einfach wissen ob man das Konstrukt richtig zusammengebaut hat oder nicht.

Saskia Sarginson schreibt übrigens mit viel Erfahrung im Hintergrund, denn sie ist selbst Mutter von Zwillingen und bekommt tagtäglich hautnah mit, mit welchem emotionalen Zwiespalt ihre Mädchen zu kämpfen haben. Man hat eben keine 1:1-Kopie von sich selbst vor der Nase, trotz aller Ähnlichkeit sind es zwei individuelle Charaktere mit ganz eigenen Emotionen. Diesen Kampf ums eigene Ich bringt die Autorin in »Zertrennlich« sehr eindrucksvoll zu Papier.

Wie eng ihre Bindung zu Viola ist, merkt sie auch dann, wenn sie es gar nicht will. Es ist eine körperliche Empfindung, ein Zucken und Zerren, selbst über weite Strecken hinweg – Marschland, Felder, Dörfer und Autobahnen, über die Dächer der Stadt. – Seite 219

…guter Schlussakkord.

Nach der etwas holprigen Durststrecke der ersten Buchhälfte steigt die Spannungskurve bis zur Auflösung stetig an. Hat man erst einmal genug Informationen aufgesaugt, kommt auch Leben in die gegenwärtige Story, die Storyfäden werden miteinander verknüpft und ergeben ein stimmiges, aber bedrückendes Gesamtpaket. Für die Auflösung ließ sich Saskia Sarginson wirklich bis auf die allerletzten Seiten Zeit – ein zweischneidiges Schwert. Für meinen Geschmack hätte sie der Geschichte noch mehr Tiefe geben können, wenn sie früher auf den Punkt gekommen wäre.

Auch die vagen Andeutungen in der ersten Hälfte des Buches haben die Spannung eher ausgebremst. Natürlich verstehe ich die Intention der Autorin, ihre Charaktere rundherum beleuchten und das Beziehungsgeflecht langsam zu Tage befördern zu wollen. Doch ein wenig mehr Tempo hätte an dieser Stelle nicht geschadet. Gerade die Brisanz des Themas Magersucht kam nicht so gut rüber, wie ich es beim Durchlesen des Klappentextes den Eindruck erweckt hatte.

Nichts kann ungeschehen gemacht werden. Nichts, was gesagt worden ist, zurückgenommen. Es gibt nur Bewegung und Wandel – und die Hoffnung, dass die Zeit sie eines Tages weit genug von den Schrecken forttragen wird, dass diese irgendwann verblassen und verschwimmen werden. – Seite 176

Sehr interessant hingegen fand ich die zahlreichen Einflechtungen der 70er Jahre Hippie-Kultur. Die Mutter der Zwillinge hatte in einer Kommune gelebt und dementsprechend gestaltete sich auch ihre Lebensphilosophie: druidische Zeremonien, bunte Klamotten, viel Alkohol, ein Leben mit vielen Freiheiten ohne gesellschaftliche Zwänge. Das bot einen für mich sehr spannenden Einblick in dieses bunte, etwas verrückte und naturverbundene Leben. In Verbindung mit einem weiteren Mythos aus der Schublade englischer Geistergeschichten lässt die Autorin eine mystische Komponente einfließen, die für gruselnde Stimmung mit Gänsehaut während des Lesens sorgte. Die Autorin lässt den Großteil ihrer Geschichte an einem Ort stattfinden, den sie selbst wie ihre Westentasche kennt: eine Gegend in Suffolk. Ein Ort mit dunklen, mythisch durchsetzten Wäldern, Sagen rund um geheimnisvolle Wesen, einem verwilderten Kiesstrand und einer vielfältigen Flora & Fauna. Saskia Sarginson ist in diesem Teil Englands aufgewachsen und fand hier die Inspiration für ihre Geschichte.


Saskia Sarginson | Zertrennlich | Original: The Twins
Script5 | 21. Juli 2014
Hardcover, 416 Seiten | 978-3-8390-0152-3 | 18,95€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Saskia Sarginsons Jugendroman startete mühsam und blass, doch wusste er sich zu steigern. Ich fühlte mich gut unterhalten, auch wenn die Autorin das Potential dieser Geschichte aus meiner Sicht nicht vollends ausschöpfen konnte. Kritikpunkte wie verwirrende Zeitwechsel und eine starre Gegenwartshandlung schmälerten das Lesevergnügen. Nach der Hälfte des Buches steuerte die Autorin das Ruder endlich Richtung Spannung und packte mich mit mystischen Elementen und einer lebendigen Handlung, bis hin zur (zu) späten Auflösung der Hintergründe. »Zertrennlich« ist ein ruhiges, bedrückendes Jugendbuch mit einem brisanten Hintergrundthema, das einen nachdenklich zurück lässt, aber emotional nicht vollends berühren konnte. Denoch eine Leseempfehlung für all diejenigen, die gerne unterhaltsame Literatur für junge Menschen mit ernster Backgroundthematik lesen.

Meine Wertung: 3of5

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2 Comments

  • Reply Marie 13. Juli 2014 at 11:54

    Hey,

    das ist ja super, dass du den Roman auch gelesen hast ;) Ich muss sagen, dass er mich total umgehauen hat: Ich fand den Schreibstil so wunderschön, weil Farben, Gerüche etc. so detailliert beschrieben wurden!

    LG, Marie

    • Reply Sandra 13. April 2015 at 11:21

      Huhu liebe Marie,

      sorry für den späten Kommentar. Ich erinnere mich noch gut an das Buch. Geschmäcker sind eben verschieden. Es freut mich sehr, dass dich das Buch so begeistern konnte, so muss es sein :)

      Vielleicht geht es meiner Tochter auch so, mal gucken wie es ihr gefallen wird.

      Liebe Grüße
      Sandra ♥

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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