Rezensionen

Richard Ungar – Die Time Catcher {Buchrezension}

26. Juni 2013

Was würdet ihr unternehmen, wenn ihr die Möglichkeit hättet, durch die Zeit zu reisen? Vielleicht eine berühmte Persönlichkeit treffen? Oder an exotische Plätze reisen, in eine vergangene Epoche wie das Alte Rom? Euer eigenes Ich besuchen? Diese Fragen stellte sich Richard Ungar wohl auch, als ihm die Idee zu seinem Zeitreiseroman »Die Time Catcher« kam, doch die Grundidee hinter diesem Jugendbuch ist eine andere: Ungars Protagonisten reisen durch die Zeit, in rasanter Geschwindigkeit von einem Ort zum anderen, um etwas zu stehlen. Das klang wirklich interessant.

Eine ungewöhnliche Idee…

die time catcherCaleb ist Zeitreisender. Nicht irgendein Zeitreisender: Gemeinsam mit anderen jungen „Kollegen“ bewegt er sich im Auftrag seines Vorgesetzten durch die Vergangenheit, um wertvolle Gegenstände zu stehlen: vom ersten geworfenen Frisbee über den ersten handgefertigten Regenschirm bis hin zu einer von Prinz sowieso benutzten Klobrille entwendet er allerlei Kuriositäten für Onkels illustre Kundschaft. Doch Calebs Chef ist nicht der liebe Onkel von nebenan, das muss der junge Mann relativ schnell feststellen. Zu allem Überfluss scheint sich seine beste Freundin auch noch für seinen arroganten Konkurrenten zu interessieren, welcher nichts Besseres zu tun hat, als ihm die wertvollen „Catches“ direkt vor der Nase wegzuschnappen. Die Stimmung im Hauptquartier der Time Catcher spitzt sich immer mehr zu, als Calebs größenwahnsinniger Chef schließlich seine neueste, wahnwitzige Idee preisgibt…

Ein langsamer Start..

Zeitreisen, welch ein spannendes Thema! Ich lese Zeitreiseromane wirklich gerne und so ging ich an Richard Ungars »Die Time Catcher« mit höchst neugierigen Erwartungen heran. Das Cover ist ein Eyecatcher und wurde von der englischen Originalausgabe übernommen, einzig die Schriftfarbe wurde geändert. Ich mag die Perspektive der Zeichnung, wie der junge Mann aus dem Zeitstrudel springt und seine Hand in meine Richtung ausstreckt, als ob er mir etwas stibitzen wollte. Futuristisch und auch ein wenig mystisch wirkt diese Illustration, eine gelungene Interpretation der Story. Die Kapitel sind ebenfalls mit Initialen aufgepeppt und leiten die darauffolgenden Leseabschnitte mit Zeit- und Ortsangaben ein. Das erleichterte die Orientierung ungemein, denn zeitweise wirkte das Springen zwischen den einzelnen Zeitzonen ein wenig durcheinander und ich brauchte eine Weile, um mich an diese Hektik zu gewöhnen.

Auf meiner persönlichen Rangliste belegt der Große Freundschaftsvertrag den zweiten Platz hinter dem ersten Hamburgerverkauf von McDonalds auf dem Mond, doch ich will Onkel lieber nicht widersprechen. – Seite 111

Wir reisen gemeinsam mit Caleb und seiner besten Freundin Abbie durch die Zeit. Die beiden ergänzen sich im Team recht gut, Caleb kam an mich als Leser ehrlich gesagt nicht richtig heran. Er wirkte so undurchsichtig, ich wusste nicht so recht, wie ich seine Rolle einordnen sollte. Er entwickelt sich jedoch im Laufe des Buches, erst im letzten Drittel manifestiert sich aber sein innigster Wunsch, der ihn wiederum sehr sympathisch macht: er sehnt sich nach einer Familie, nach seiner Familie. Zur Erklärung: Die Kinder, welche in der Zeitreise-Organisation namens »Edles für die Ewigkeit« arbeiten, wurden entweder als Waisenkinder von der Straße weggeholt oder, in einigen Fällen, sogar entführt. Caleb hat keine bewusste Erinnerung an seine Eltern und das spiegelt sich in seinen Wünschen, seiner Sehnsucht und auch seinem Verhalten wieder. Bei Abbie, der Nebenrolle, bin ich ebenfalls ein wenig hin- und hergerissen. Sie ist eine gute Seele, doch es störte mich, dass sie nicht offener war. Das Gefühlsleben der beiden spielt sich auf sehr oberflächlicher Ebene ab und das ist schade. Das Buch hat seine romantischen Momente, aber ein wenig mehr emotionaler Tiefgang der Story wäre nicht verkehrt gewesen. Ein klarer Pluspunkt war der spitzige, ironische Humor des Ich-Erzählers Caleb, der oft für Momente des Schmunzelns sorgte.

Asiatisches Flair

Sehr spannend gestaltete sich die Einbindung des asiatischen Themas in den Plot. Das Buch spielt hauptsächlich im New York Mitte des 21. Jahrhunderts, genauer gesagt 2060. Es ist das Jahr der Großen Freundschaft zwischen China und den USA, ein Handelsabkommen beider Länder. Zu Ehren dieses Bündnisses nennt sich die Stadt am Ufer des Hudson River ein Jahr lang New Beijing und dies spiegelt sich auch im Stadtbild wieder. Pavillons wurden aufgebaut, Fahnen mit den Farben der beiden Länder wehen in den Straßen und Kinder tragen T-Shirts, auf denen der Schriftzug Beijing 2060 sowie ein Panda zu sehen ist. Die Reichen und Mächtigen haben einen lukrativen Pakt geschlossen und der Chef der Time-Catcher Agentur »Edles für die Ewigkeit« möchte natürlich sein Stück vom großen Kuchen abhaben. Dafür ist er bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Doch warum plätschert die Story nur so langsam vor sich hin? Ich hätte mir hier deutlich mehr Tempo gewünscht.

Als ich Ben anschaue, sehe ich in ihm mehr als einen vierjährigen Jungen, der eine Spielzeugfigur in der Hand hält. Ich sehe mich selbst mit all meinen Hoffnungen und Träumen von einem normalen Leben in einer ganz normalen Familie. – Seite 155

Es machte Spaß. gemeinsam mit den Jugendlichen ferne Länder zu besuchen, einen Hauch vergangener Epoche mitzuerleben. Wir reisen zu wirklich interessanten Schauplätzen: beispielsweise sollen Caleb und seine Partnerin eine wertvolle Vase auf der Weltausstellung Expo 1967 in Montreal (Kanada) stehlen. An anderer Stelle transportiert die moderne Zeitreisevorrichtung die beiden nach Frankreich ins 19. Jahrhundert, um sich dort die erste Fotografie der Welt unter den Nagel zu reißen. Fairerweise muss ich zugeben, dass die Reisen an sich sehr kurz sind, sprich das Team hat wirklich nur Minuten Zeit, um seinen Catch durchzuführen und die Mission zu einem gelungenen Abschluss zu bringen. Da bleibt keine Zeit für Sightseeing oder Bewundern der Landschaft. Dies dachte sich wohl auch der Autor und hielt sich mit ausufernden Kulissenbeschreibungen zurück. Bei allem Verständnis dafür, aber auch in der Kürze sollte die Würze liegen und hier büßte die Handlung Flair ein.

Komm mit mir auf die dunkle Seite…

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Die Story hat schon etwas Besonderes, denn wir stehen dieses Mal nicht auf der Seite der Guten: Die Protagonisten sind clevere, sehr geschickte und blitzschnelle Diebe, das sollte für ordentlich Nervenkitzel und Spannung sorgen. Doch die Spannungskurve steigt nur sehr langsam an. Das mag auch der Tatsache geschuldet sein, dass sich die Kapitel des ersten Drittels fast ausschließlich mit den Catches an sich beschäftigen, während die Backgroundstory als Handlungsfaden im Hintergrund verläuft. Erst nach über der Hälfte der Geschichte überschlagen sich die Ereignisse.

Freunde sind da, wenn du sie brauchst. Nicht wenn sie dich brauchen. – Seite 282

Stellenweise musste ich hier wirklich schlucken, denn es ging ganz schön blutig zur Sache – bleibt zu überlegen, ob das nicht ein bisschen zuviel des Guten für ein Buch ab 11 Jahren war. Doch dies überlasse ich dem Empfinden des Lesers. Die letzten Seiten der mystischen Story belohnten mich schließlich mit einem zufriedenstellenden Ende. Im September 2013 erscheint übrigens der englischsprachige Folgeband bei Putnam Juvenile namens »Time trapped« und klingt spannend, mehr verrate ich nicht! Wer Band 1 noch nicht gelesen hat, sollte sich den Klappentext von Band 2 noch nicht durchlesen.

Nachtrag, März 2015: Offenbar wurde der zweite Band zwar auf englisch herausgebracht, doch die Serie wurde nicht weiter fortgesetzt und auch leider nicht mehr ins Deutsche übertragen. Auch der zweite Band ist im englischen Original nur noch gebraucht erhältlich.


Richard Ungar | Die Time Catcher
cbj Verlag | 25. März 2013 | Original: Time Snatchers, Putnam Juvenile 2012 | Reihe: Band 1
Hardcover, 416 Seiten | 978-3570155745 | 14,99€
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Mein Fazit: Eine interessante Plotidee, aus der Perspektive der „dunklen Seite“ geschildert, welche für spannende Momente sorgte und nebenbei den Wissensstand rund um China und dessen einzigartige Kultur auffrischte – ein Buch, das auch mal die Jungs unter den Lesern begeistern dürfte! Fortsetzung folgt!

Meine Wertung: 
4of5

 

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