Rezensionen

Margit Ruile – Deleted. Traue niemandem {Buchrezension}

22. März 2015

Na liebe Leser? Lust auf ein spannendes Jugendbuch?

Cottbus, 2035. Eben wäre ich beinahe von einem Magnetcar überfahren worden. Dabei wollte ich eigentlich nur schnell zur Buchhandlung hinüberflitzen. Heute findet der letzte Ausverkauf der Printexemplare statt und ich möchte es mir auf keinen Fall entgehen lassen, eines der letzten gedruckten Bücher zu ergattern. Es ist etwas völlig anderes, auf einem Reader durch die digitalen Seiten zu blättern als ein richtiges Buch in der Hand zu halten und den Duft von Papier und Druckerschwärze beim Umblättern zu schnuppern. Ich tippe auf mein Armband, ein holografisches Abbild erscheint darauf und teilt mir mit, dass ich zu spät zur Elternversammlung kommen würde, wenn ich nicht den Bus um exakt 15:22 Uhr nehme. Außerdem hätte ich einen erhöhten Puls, was Mr. Holo so gar nicht gefällt. Er rät mir dringend zu einem Check beim Hausarzt; ich könnte sofort nach der Elternversammlung hingehen, die Adresse projiziert Mr. Holo einfach auf mein Brillenglas…

So oder so ähnlich könnte die Zukunft aussehen. Mensch und Maschine nähern einander zunehmend an. Wir lesen elektronische Bücher, bewegen uns mit 3D-Brillen auf der Nase durch virtuelle Räume oder lassen sogar von Kühlschrank selbst die Bestellung für die nächsten Mahlzeiten an den Supermarkt übermitteln. Was aber passiert, wenn die Maschinen uns so ähnlich werden, dass wir sie für unsere Freunde halten oder gar nicht merken, wie sehr sie unser Leben bestimmen und überwachen? Solch ein Szenario hat Margit Ruile für ihren neuen Jugend-SciFi-Roman »Deleted. Traue niemandem« aufgegriffen, der am 31. März beim arsEdition-Imprint Bloomoon erscheinen wird. In einer Leserunde bei Lovelybooks durfte ich, meiner Glücksfee sei Dank, mit anderen neugierigen Lesern dem 15jährigen Ben und seinem holografischen Begleiter Sakar im Berlin des Jahres 2035 auf die Spur gehen. Was ich dabei empfand, möchte ich euch nun in meiner Rezension berichten.

Wer ist Freund, wer ist Feind?

deletedBerlin. im Jahr 2035: Ben ist 15 Jahre alt. Er wächst in einer Gesellschaft auf, in der Überwachung an der Tagesordnung steht. Es ist völlig normal, selbst in seinen eigenen vier Wänden von Kameras überwacht zu werden. Drahtzieher dieses alles umfassenden technologischen Fortschritts ist der Logos Konzern, der mit seiner Erfindung der E-Brace Armbänder mit integriertem persönlichen Slave und einem riesigen neuen Netzwerk namens SEA dafür sorgt, dass wirklich jeder Schritt, jede Bewegung und jeder Herzschlag eines Menschen protokolliert wird. Doch nicht jeder ist mit dieser allumfassenden Überwachung einverstanden. Ben ist ein neugieriger und aufmerksamer junger Mann, der allmählich (alles in) Fragen stellt. Das schließt auch sein ganz persönliches, virtuelles Hologramm namens Sakar mit ein. Irgendetwas an ihm ist seltsam…

Margit Ruile ist mir ganz und gar nicht unbekannt. Ihre Kinderbuchreihe rund um das clevere, mutige Mädchen Mira habe ich gemeinsam mit meiner Tochter verschlungen und sehr geliebt. Umso gespannter war ich, nun etwas ganz Neues aus ihrer Feder zu lesen. Doch nicht nur eine neue Thematik steckt hinter dem futuristisch aussehenden Cover, das Jugendbuch richtet sich auch an eine völlig andere Zielgruppe als die Trilogie. »Deleted. Traue niemanden« ist eine Geschichte für junge Leser ab 12 Jahren, die sich für die Technologie der Zukunft interessieren. Das Cover gibt schon einen kleinen Vorgeschmack auf die technologische Komponente des Plots, den Margit Ruile mit ihrer typischen, intensiven Schreibe lebendig werden ließ.

Ich beschloss, ihm nicht mehr alles zu erzählen, was mir durch den Kopf ging.
Eigentlich beginnt damit diese Geschichte.
Sie beginnt mit Misstrauen.
Mit einer abgelegenen Straße.
Und mit den Kameras. – Seite 21

Wie schon bei ihrer Kinderbuchtrilogie merkt man der Autorin ihre jahrelange Expertise als Drehbuchautorin und Regisseurin an. Sie schreibt sehr bildhaft, intensiv und farbig. Ein wunderbarer Schreibstil, der mich tief zwischen die Seiten zog und bis zum letzten Wort nicht mehr losließ. Schon nach wenigen Minuten war ich mitten in diesem schon ziemlich beängstigenden Szenario gefangen und stellte mir vor, wie ich mich fühlen würde, wären 24h am Tag Kameralinsen auf mich gerichtet – selbst in meinen eigenen vier Wänden! Als Fotografin bewege ich mich stets hinter der Kamera und mag es nicht besonders, Fotomotiv zu sein. Und nun stelle man sich einmal vor, man würde auf Schritt und Tritt verfolgt werden, während gleichzeitig Sensoren jede Bewegung, jeden Herzschlag und jedes Unwohlsein aufzeichnen und bewerten würden. Ich könnte nachts nicht mehr ruhig schlafen.

deleted

Eine spannende Zukunftsvision, die gar nicht so abwegig erscheint…

Nicht anders geht es Protagonist Ben, der seinen persönlichen „Holosklaven“ zunächst als Freund betrachtet. Immerhin trägt er ihn von Kindesbeinen an bei sich, oder vielmehr hautnah an sich. Diese kleine Maschine im Taschenformat weiß alles über den Jungen, doch wie geht sie mit den Daten um? Das ist die Frage, der wir in »Deleted. Traue niemandem« auf den Grund gehen. Ich muss zugeben, die Ich-Perspektive und ich, wir führen eine schwierige Lesebeziehung. Normalerweise stehen wir auf Kriegsfuß miteinander, doch Margit Ruile hat meine Bedenken wieder einmal in Luft aufgelöst.

Ein Blick in eine mögliche Zukunft.

Aufgebaut wie ein Tagebuch, schildert Ben sein Leben inmitten dieser futuristischen Überwachungsgesellschaft im Berlin des Jahres 2035. Die in der Vergangenheit liegende Haupthandlung wird dabei durch kursiv geschriebene Dialogpassagen unterbrochen. In diesen speziellen Textabschnitten spricht mich Ben direkt an und erklärt mir Begrifflichkeiten, die ich seiner Meinung nach mit meinem Wissensstand von 2015 noch nicht verstehen kann. Amüsant!

Ein ums andere Mal musste ich wirklich schmunzeln, an anderer Stelle wurde ich jedoch auch sehr nachdenklich. Manches davon ist bereits Teil unserer gegenwärtigen Lebens und vieles davon auf seine Weise sehr nützlich: Gesichtserkennung, Fingerabdruckscanner, Ortungssysteme, Infrarotsensoren – um nur einige Beispiele zu nennen. Doch es ist immer eine Frage, wie man diese technischen Errungenschaften für sich nutzt und damit umgeht. Ein völliges Verdammen von Technik ist genauso wenig sinnvoll wie das ausschließliche Nutzen derselbigen. Bestes Beispiel im Buch: Ben hat dieses Hochgefühl, ein echtes Buch in der Hand zu halten, darin zu blättern und den Duft des Papiers einzuatmen, nie kennengelernt. Das stelle man sich einmal vor! Ein Leben ohne echte Bücher, ohne dieses griffige Gefühl von Papier?! Das möchte ich mir gar nicht ausmalen.

„Aber ist es nicht auch ein Menschenrecht, in Ruhe gelassen zu werden?“, fragte Jonas plötzlich. – Seite 91

Allerdings muss ich sagen, dass mir manche Entscheidungsfindungen des Protagonisten ein wenig zu schnell vonstatten ging. Es würde zu sehr spoilern, Näheres an dieser Stelle zu erwähnen. Vielleicht empfindet ein junger Leser dies nicht so, doch mir als Erwachsenen erschloss sich stellenweise nicht, warum Ben zeitweise meines Eindrucks nach zwar durchaus logisch, aber übereilt und unüberlegt handelte. An dieser Stelle möchte ich die Beurteilung dieses Verhaltens jedoch der Zielgruppe überlassen. Vielleicht liest ja meine Tochter demnächst »Deleted. Traue niemandem« – sie deutete zumindest schon an, dass sie sich für diese Thematik sehr interessiert. Anschließend kann ich ihr Feedback gern hier wiedergeben.

Wiedererkannt!

Zurück zur Erzählperspektive: Gerade eben diese Interaktion mit dem Protagonisten aus der Zukunft fand ich überaus interessant, spannend und für die Story ungemein auflockernd. Margit Ruile begleitet unsere Leserunde persönlich und teilte mit, dass diese Art der Schreibe genau ihr Ding ist. Ursprünglich war dieser Jugend-SciFi-Roman als Drehbuch für einen Film konzipiert worden, doch ihre Lektorin war so begeistert von diesem Stoff, dass sie die Autorin überredete, ein Buch daraus zu formen. Und darüber bin ich ehrlich gesagt sehr froh, denn es ist Frau Ruile mal wieder gelungen, in ihrer schnörkellosen Erzählweise eine rundherum spannende Geschichte mit farbenfrohen Charakteren zu kreieren, dieses Mal inmitten eines modernen, zeitweise sehr bedrückenden Settings. Das Ende beantwortet zwar nicht alle Fragen, schließt jedoch den Haupterzählstrang zufriedenstellend ab und bietet dennoch ausreichend Potential für ein Wiedersehen mit Ben, Sakar und seinen Freunden – ebenfalls ein Aspekt, der der Autorin wichtig war.

Übrigens: Aufmerksame Fans von Mira werden vielleicht eine Figur aus Margit Ruiles Kinderbuchreihe anhand ihrer Charakterzüge wieder erkennen. Wer das ist, werde ich natürlich nicht verraten. Es war sehr schön, diesem Charakter wieder zu begegnen.


Margit Ruile | Deleted. Traue niemandem
Bloomoon | 31 März 2015 | ab 12 Jahren
Klappenbroschur, 256 Seiten | 978-384580639-6 | 12,99€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Margit Ruile überzeugte mich wieder einmal mit ihrer farbenfrohen Art zu schreiben und entführte mich in eine düstere Zukunft mitten in Berlin – eine Zukunft, die gar nicht so abwegig erscheint. Ich wurde sehr gut unterhalten, blieb aber auch ein wenig nachdenklich zurück. Ein wirklich spannender Zukunftsthriller für junge wie erwachsene Leser gleichermaßen, dem nur ein Funke zum Lieblingsbuch fehlte. Sehr empfehlenswert für alle Fans spannender, dystopischer Jugendbücher!

Meine Wertung:
4of5

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2 Comments

  • Reply DieLeserin 2. April 2015 at 19:41

    Das Buch muss ich mir besorgen und so eine Überwachungsthemenlesewoche machen (hab noch Score und Der Circle hier liegen). Vom Klappentext her war ich mir unsicher, deswegen bin ich froh, dass du es so schnell (und ausführlich) rezensiert hast.

    Ja, kommt auf die Leseliste!

    Liebe Grüße, Iris

  • Reply {Resumé} Gelesen & genossen - März 2015 | Büchernische 31. März 2015 at 23:50

    […] durfte gemeinsam mit 29 anderen Testlesern vorab einen Blick in Margit Ruiles neues Jugendbuch »Deleted: Traue niemandem« werfen, das ab dem heutigen Tag in allen Buchhandlungen erhältlich ist. Ich kann euch sagen, […]

  • Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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