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Lesehighlight 2016: Matt Haig – Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben {Buchrezension}

21. März 2016

Liebe Leser,

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben. Selten habe ich so um Worte für meine Besprechung gerungen, wie für dieses Buch. Zwei Tage sind vergangen, seit ich die letzte Seite, wie immer mit Danksagungen des Autors, gelesen habe. Zwei Tage, seit ich Matt Haigs Mischung aus Autobiografie, Roman und Sachbuch in mir aufgenommen habe. Eigentlich müsste ich es sofort noch einmal lesen, noch einmal fühlen, endgültig verinnerlichen. Und eigentlich ist der folgende Text auch etwas mehr als nur eine Rezension zu einem Buch, das vor zwei Tagen im dtv Verlag erschien. Danke übrigens an dieser Stelle noch einmal an das Lovelybooks-Team, das mir mit diesem Buchpaket samt weltleckersten Gute-Laune-Zitronenbonbons den Tag & die Woche versüßte.

Hast du ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben?

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben – dieser Titel ist für mich gleichzeitig eine Frage, auch wenn das Fragezeichen nicht zu sehen ist. Habe ich ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben? Ja, natürlich habe ich die, sonst wäre ich wohl nicht hier. Auch wenn die Antwort auf diese Frage manchmal etwas länger dauert, weil man mal wieder an sich selbst zweifelt, an seinem Wert für andere oder wie auch immer, so beinhaltet sie stets folgende Worte: Meine Gründe, am Leben zu bleiben, sind mein Herzmann & bester Freund, der mit mir durch Dick & Dünn geht, meine Familie und die Freunde, die geblieben sind, und last but not least Bücher und Musik.

Matt Haig hat ebenfalls ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben. Doch bis er Kraft genug hatte, sein Leben zu leben, ging er buchstäblich durch die Hölle. Als Matt 24 Jahre alt war, schlich von heute auf morgen der schwarze Hund der Depression um die Ecke und hinterließ ein Häufchen nach dem nächsten, bis er zum Rand in der… denkt euch diesen Teil einfach. Das schwarze Loch im Boden, der fiese, sabbernde Kobold auf der Schulter, der schwarze Hund, ein Tunnel ohne Ausgang – die Depression hat so viele Gesichter, doch eines bleibt immer gleich: Es ist schwierig, jemandem, der selbst nicht an Depressionen leidet, mit Worten zu vermitteln, wie sich das anfühlt. Depression und allgemein viele psychische Krankheiten sind meistens unsichtbar und daher sehr schwer greifbar.

„Sie ist selbst für die rätselhaft, die daran leiden.“ – Seite 20

Worte finden

Matt Haig findet Worte für dieses oftmals Unbegreifbare. Er spricht aus und schreibt nieder, was mir oft im Halse stecken bleibt. Er nutzt Metaphern, um den Lesern seines Buches zu erklären, wie es sich anfühlt, wenn sich der Himmel über dir mit dichten schwarzen Wolken verdunkelt und du eigentlich gar nicht so recht weißt, warum das passiert und vor allem, warum gerade dir? Du müsstest doch glücklich sein, warum zum Teufel bist du es dann nicht?

„Ein kleines Meisterwerk. Es könnte Leben retten.“ – Joanna Lumley

Möglicherweise kann es das. Auf jeden Fall steht für mich zu 100% fest, dass es Menschen, die unter Depressionen leiden, helfen kann, das Licht am Ende eines Tunnels zu sehen, der auf beiden Seiten geschlossen ist. Und es wird Menschen helfen können, Betroffene im Bekannten- und Familienkreis ein bisschen besser zu verstehen.

Kein Ratgeber. Ein Mutmacher.

»Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben« möchte kein psychotherapeutischer Ratgeber sein – zum Glück. Matt Haig schreibt aus dem Herzen heraus, ohne mit dem Zeigefinger in der Luft herumzufuchteln. Er nimmt dich an der Hand und zieht dich ganz allmählich mit sich, Stück für Stück auf dem Weg zurück ins Leben. Dabei beschreibt der Autor in kurzen, prägnanten Kapiteln auf berührende, intensive Weise, was er im tiefsten Sumpf zwischen Depression und Angststörung empfunden hat. Er schreibt über den Schmerz, die Leere, Antriebslosigkeit, Sprachlosigkeit und Zweifel. Er berichtet von Tagen, in denen das Rauschen im Inneren wie ein Hurrikan tobt und selbst für Tränen die Kraft fehlt. Von Stunden, Minuten, Sekunden, wenn ein winziger „Tropfen Tinte, der in ein Glas mit klarem Wasser fällt“ (Seite 55) ausreicht, den vormals klaren Blick einzutrüben.

Er schüttelt mit Worten den Kopf, wenn jemand mal wieder „Komm, stell dich nicht so an!“ oder „Ist doch alles nur eine Frage des Willens.“ zum Besten gibt. Zwischendurch führt Matt fiktive Interviews aus der Ferne mit seinem damaligen Ich, ermuntert und spendet dabei nicht nur sich selbst, sondern auch dem Leser viel Kraft und Zuversicht. Momente während des Lesens, die ich nickend und immer wieder mal auch mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen stumm kommentierte. Momente, in denen ich am liebsten einen Farbeimer herangezogen hätte, um das Buch zwecks Textmarkierung seitenweise in die Farbe zu tauchen. So behalf ich mir mit einem Textmarker und fuhr mit dem pastellblauen Stift über das Papier – etwas, das ich seit meiner Studienzeit nicht mehr gewagt habe. Bücher anpinseln! Oh Graus!

„Doch Depression ist eine Art Quantenphysik der Gedanken und Gefühle. Sie deckt auf, was normalerweise verborgen ist. Sie löst dich auf und alles, was du je gewusst hast.“ – Seite 52

Fuck Depression. Es gibt Momente, da zweifelst du so sehr an dir, dass alles keinen Sinn mehr zu haben scheint. Auch Matt empfindet diesen Moment, an diesem Tag in Ibiza, auf der Klippe. 20 Schritte bis zur Kante, 21 wollte er gehen. Doch etwas in seinem Inneren hielt ihn zurück: Überlebenswille. Diese Kraft pocht in dir wie ein Bollwerk gegen die Sinnlosigkeit, selbst wenn du am Boden liegst und es ist selbst dann noch da, wenn du dich unendlich leer fühlst.

„Wenn wir wollen, dass es uns besser geht, ist das Einzige, worauf es ankommt, das, was uns hilft. Wenn uns etwas hilft, müssen wir nicht fragen, warum.“ – Seite

Matt spricht von Fakten, zitiert Wissenschaftler, listet Gemütszustände auf, welche ich stumm und abermals nickend mit Bleistift abhakte. Er verpackt all diese scheinbar trockenen Themen mit einem rundherum berührenden, tiefgründigen, authentischen und teilweise auch humorvollen Schreibstil, der mich durch ein wahres Auf und Ab von Emotionen führte. Erneutes Nicken. Leichter als zuvor fiel es mir, gelesene Worte, ja ganze Textpassagen im Gedächtnis zu behalten, denn sie waren zuvor schon ein Teil meiner selbst. Auch heute, einige Zeit danach erinnere ich mich noch immer daran, so als hätte ich sie gerade erst gelesen.

Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben, Matt Haig, dtv Verlag, Fotografie büchernische-blog.de

Mit jeder Seite lernte ich Matt Haig und seine Krankheit etwas besser kennen und empfand nach der letzten Seite das hoffnungsvolle Gefühl, nicht allein zu sein. Wenn er dann Buchempfehlungen von Italo Calvinos Die unsichtbaren Städte über Albert Camus Der Fremde* bis Salingers Der Fänger im Roggen gab, mit tiefempfundener Begeisterung von seiner innigen Liebe zur Literatur sprach und von Zeiten berichtete, da er ein Buch nach dem nächsten verschlungen hat, ja spätestens da war der Moment gekommen, an dem mich besser fühlte.

* hier mal als Graphic Novel, steht schon auf der Wunschliste

Fallen. Landen. Aufstehen. Leben.

Dieser Prozess des Fallens, Landens, Aufstehens und Lebens war eine lange, schwierige Aufgabe für den Autor – und ist es nach wie vor. Er war nicht alleine, denn seine Frau Andrea stand alles mit ihm gemeinsam durch. Es bleibt nicht unerwähnt, wie schwierig es ist, mit depressiven Menschen umzugehen. Die Genesung ist ein stetiger, langsamer Prozess und es gibt immer noch diese Tage, in welchen dunkle Punkte im Gesichtsfeld auftauchen. Doch Matt Haig ist ins Leben zurückgekehrt, und das macht Mut. Er schreibt ganz offen über seine Gründe, am Leben zu bleiben: über Liebe und Achtsamkeit, und so viel mehr, das ihn daran erinnert, wie wertvoll eigentlich das Leben auf diesem kosmisch-winzigen blauen Ball im Weltraum ist. Schließlich spricht er den Leser direkt an und ging damit den letzten Schritt direkt in mein Herz.

Ich will das Leben.
Ich will es lesen und schreiben und spüren und leben.
Ich will so viel Zeit wie möglich in dieser kurzen Existenz, die uns vergönnt ist, damit verbringen, alles zu fühlen, was gefühlt werden kann. – Seite 265

Während die Depression für Matt 14 Jahre später eine Randbemerkung ist, ein „Wort in Klammern„, das jedoch niemals völlig ausradiert werden kann, sind Millionen von Menschen weltweit immer noch im Auge des Hurrikans gefangen. Doch dieses Buch, dieses kleine weiße Buch namens »Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben« und seiner so absolut wunderbar passenden Coverillustration könnte einer deiner Gründe sein, am Leben zu bleiben. Bücher sind immer ein verdammt guter Grund.

Mein Fazit: »Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben« ist mein persönliches Buch des Jahres – und ja, das kann ich jetzt schon ohne zu zögern aussprechen. Ich habe es, einzig unterbrochen von einer sehr kurzen Nacht, innerhalb von 24 Stunden durchgelesen. Ich empfinde immer noch diese emotionale Mischung aus Dankbarkeit, Schmerz und Freude darüber, dass jemand so formvollendet formuliert hat, wofür mir oft die Worte fehlen. Matt Haig schreibt authentisch, mit Witz aber auch Sarkasmus und all seinem Gefühl über Depression in all ihren Abstufungen. Er hat mit seinem Buch ein beeindruckendes Stück Literatur erschaffen, dass zum einen für Verständnis und Aufklärung sorgt, auf der anderen Seite jenen eine Stimme gibt, die tief in der Dunkelheit verborgen schweigen – oft aus Scham ob des aufgedrückten Stigmas. Selten brannten sich Worte und ganze Textpassagen so intensiv in mein Langzeitgedächtnis wie in diesem Fall. Ich bin froh, dass Matt Haig dieses Buch geschrieben hat, dass es ja eigentlich gar nicht geben dürfte, wie er selbst sagt. Worte befreien. Wie recht Matt Haig damit hat, merke ich spätestens jetzt, da ich die letzten Worte dieser Besprechung tippe. Denn auch auf meiner Schulter sitzt ein schwarzer Kobold. Danke an all die Menschen, die jeden Tag ihr Möglichstes geben, damit ich immer wieder den Lichtstrahl am Ende des Tunnels sehen kann. Jeder braucht jemanden, der ihm sagt, dass es wieder gut wird, der einem Mut zuspricht, wie Matt Haig wieder sagen zu können: „Ich bin froh, dass ich bin.“

Lest. dieses. Buch!


Matt Haig | Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben
dtv Verlag | 18. März 2016 | Roman | Übersetzung: Sophie Zeitz
Hardcover, 304 Seiten | 978-3-423-28071-6 | 18,90€
zum Buch beim Verlag


Meine Wertung:
5of5, 5 Leseherzen

Prädikat ‚Besonderes Buch‘ – Kategorie Roman
Prädikat Buechernische Lesehighlight

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15 Comments

  • Reply sommermaedchen2 28. März 2016 at 20:00

    Liebe Sandra,

    eine wunderschöne Rezension zu einem Buch, bei dem man zuallererst sprachlos zurück bleibt. Ich habe es nicht ganz so schnell gelesen wie du, aber ich konnte auch nicht mehr aufhören. Matt Haig gibt der Krankheit Depression ein Gesicht und lässt Außenstehende zumindest erahnen, wie es sich während einer Depression anfühlt.

    Liebe Grüße
    Corinna

  • Reply rabenfrau 22. März 2016 at 14:33

    Eine wunderschöne Rezension für ein Buch, das auch mich damals als ich es auf Englisch gelesen habe zum einen sprachlos, und zum anderen mit dem Gefühl verstanden zu werden zurückgelassen hat. Wirklich großartig.

    • Reply Sandra 22. März 2016 at 17:57

      Danke dir ♥ kannst du vielleicht ähnliche Bücher zum Thema empfehlen? Ich werde mir auf jeden Fall noch „Ich & die Menschen“ vornehmen. :)

      Liebe Grüße!

      • Reply rabenfrau 4. April 2016 at 08:17

        Ich habe lange überlegt aber „vergleichbares“ fällt mir nicht ein, denn die Art und Weise wie Haig hier geschrieben hat ist schon einzigartig. Man stolpert immer mal über Romane die dieses Thema irgendwie aufgreifen, aber an Haig kommt in dem Fall niemand so wirklich heran.

        • Reply Sandra 4. April 2016 at 11:14

          Ich hatte es mal mit Kathrin Weßlings „Drüberleben“ versucht, aber das war nichts für mich, zumindest damals nicht.

  • Reply mehralsnurgeschichten 22. März 2016 at 13:39

    Liebe Sandra,

    wieder einmal hast du eine Rezension geschrieben, die ich sehr gerne gelesen habe und die mich neugierig auf ein Buch gemacht hat! Es hat mich sehr berührt, welche Worte du gefunden hast, um zu beschreiben, wie das Buch auf dich gewirkt hat und was du alles für Erkenntnisse aus diesem Buch mitnehmen konntest.
    Diese Hemmungen in einem Buch herumzumalen, kommen mir außerdem sehr bekannt vor. ;)

    Liebe Grüße,
    Lauretta

    • Reply Sandra 22. März 2016 at 17:37

      Liebe Lauretta,

      das lese ich gern ♥ dankeschön! Es ist erstaunlich, wie leicht und gleichzeitig schwer es war, dieses Leseerlebnis zu beschreiben. Schön, dass es mir gelungen zu sein scheint! :))

      Es ist wirklich das erste Mal seit Ewigkeiten, dass ich in einem Buch markiere. Ich glaube, das war nicht das letzte Mal ♥ ich konnte ja gar nicht anders.

      Liebe Grüße
      Sandra

  • Reply Shanty 21. März 2016 at 22:13

    Liebe Sandra,
    mit deiner wunderschönen Rezension hast du mich gerade dazu gebracht mir sofort das Buch zu besorgen. Danke, für deine Leidenschaft zur Literatur, die so ansteckend ist :) Das Buch klingt wirklich toll, bin sehr gespannt!

    Grüßerl und Drücker,
    Shanty

    • Reply Sandra 22. März 2016 at 13:20

      Liebe Shanty,

      das freut mich sehr ♥ dieses Buch ist einfach ein Herzbuch, das ich vollstens empfehlen kann. Ich bin sehr gespannt, wie es dir gefällt :)

      Liebe Grüße *hug*
      Sandra

  • Reply FrauWolkenweiss 21. März 2016 at 19:23

    Ohhh liebe Sandra,

    danke für das ganze Herzblut und die Leidenschaft die in dieser Rezension steckt. Du schaffst es einfach immer wieder, selbst die uninteressantesten Titel einfach zu Must-Reads zu machen ♥ Da ich ja das Glück hatte, ebenfalls so ein Paket zu erhalten, kann ich es nun kaum erwarten auch reinzulesen und hoffentlich genau so viel Kraft aus Matt Haigs Worten zu schöpfen.

    Vielen vielen Dank! ♥

    • Reply Sandra 22. März 2016 at 17:35

      Liebe Deborah,

      ich hoffe ganz arg, dass das Buch genau das erreichen kann ♥ bei dir und ganz vielen anderen Menschen, ob selbst betroffen oder umgeben von Betroffenen. Ich werde dieses kleine weiße Buch mit Sicherheit noch viele Male durchlesen ♥

      Umarmende Grüße
      Sandra

  • Reply primeballerina 21. März 2016 at 18:21

    Da ich diesen Beitrag auch „offiziell“ um nichts in der Welt unkommentiert lassen möchte, dir aber schon alles dazu gesagt habe, gibt es nur das:

    ♥♥♥♥♥

    Und ich bin so froh und stolz, dass du den Beitrag genau so veröffentlicht hast. ♥

    • Reply Sandra 22. März 2016 at 17:33

      <(") ♥ danke Liebes!

  • Reply subtastisch 21. März 2016 at 18:12

    Gott, was für eine wunderschöne Rezension, bei der man spürt, das sie aus tiefstem Herzen kommt. Da fehlen mir ein bisschen die Worte….

    • Reply Sandra 22. März 2016 at 15:47

      Von Herzen: Danke! ♥

      Es war mir ein Bedürfnis, so manches einfach auszusprechen, was auf der Seele lag und das Buch hat sozusagen den Weg für eigene Worte geebnet.

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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