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Lesehighlight 2015: Melanie Raabe – Die Falle {Buchrezension}

17. Mai 2015

Liebe Freunde guter Spannungsliteratur,

352 Seiten. Nachwort. Letztes Wort. Ende. Wow. Melanie Raabe ließ mich gerade völlig verblüfft und absolut beeindruckt in meinem Lesesessel zurück, nach 352 gelesenen Seiten, zahlreichen Minuten des Herzklopfens und dem Wunsch, in den Buchrücken zu beißen. Vor einer halben Stunde habe ich ihr Debüt »Die Falle«, das Anfang März beim Randomhouse-Imprint btb Verlag erschienen ist, beendet und bin völlig geflashed. Warum? Na, lest selbst.

Ein ausgeklügelter Plan, eine Falle.

Die Falle von Melanie RaabeLinda Conrads hat ihr Haus am Starnberger See seit über elf Jahren nicht mehr verlassen, keinen einzigen Schritt vor die Tür gesetzt. Einläufe erledigt ihre gute Seele Charlotte, Kontaktpflege läuft über Telefon und Internet. Die junge Frau ist sehr erfolgreiche Autorin, schreibt einen Bestseller nach dem nächsten, doch ihrer Umwelt gibt ihr seltsames Verhalten Rätsel auf. Es begann alles an dem Tag, als Linda die Wohnung ihrer Schwester Anna betrat und diese in einer Blutlache auf dem Boden vorfand – ermordet. Doch wer hat das getan? Wen hat Linda an diesem Tag am Fenster gesehen? Das Gesicht des Mörders verfolgt die Autorin bis in ihre Träume, lähmt ihre Gedanken, traumatisiert die 38jährige zutiefst. Jahre später erkennt sie das Gesicht des Täters in einer Fernsehsendung und beschließt, ihm eine Falle zu stellen, um herauszufinden, was vor 11 Jahren geschehen ist…

Donnerlüttchen, dieses Buch hat gesessen. Was für ein überraschendes! atemberaubendes! fieses! Stück! Literatur! Das ist der erste Gedanke, der mir durch den Kopf schoss, nachdem ich den Thriller eben beendet habe. Der Plot hat mich regelrecht hin- und hergezerrt, an einer Stelle Knoten gelöst, um an einer anderen wieder für völlige Verwirrung zu sorgen. Doch fangen wir mit dem äußeren Eindruck an. Das Cover greift die Gedankenwelt Lindas auf, so jedenfalls verstehe ich dieses schwarze-türkise Titelbild. Müsste ich jetzt interpretieren, was das darstellen soll, würde ich am ehesten darauf tippen, dass es die Schwärze widerspiegelt, die sich in elf Jahren Einsamkeit durch jede Faser von Linda Conrads Körper gefressen hat.

Vorsichtiges Herantasten.

So subtil das Titelbild wirkt, so famos ist Melanie Raabes Debüt zwischen den schmückenden Buchdeckeln. Die junge Journalistin hat mit ihrem Psychokrimi für ordentlich Furore auf dem Buchmarkt gesorgt. Bereits vor Erscheinen wurde der Titel in mehrere Länder verkauft, im englischsprachigen Ausland für einen sechsstelligen Betrag, wie Randomhouse verlauten ließ. Ein Hype ist für mich im ersten Moment erst einmal ein Grund, Abstand zu nehmen. Ich bin schon öfter auf gehypte Bücher angesprungen, die sich hinterher als laues Lüftchen entpuppt haben.

„Diese Villa ist meine Welt. Das Kaminzimmer ist mein Asien, die Bibliothek mein Europa, die Küche mein Afrika. Nordamerika liegt in meinem Arbeitszimmer. Mein Schlafzimmer ist Südamerika und Australien und Ozeanien liegen auf meiner Terrasse. Nur ein paar Schritte entfernt, aber vollkommen unerreichbar.“ – Seite 6

Mittlerweile habe ich eine gewisse Zahl von Bloggerkollegen und -freunden, deren Meinung ich beinahe blind vertraue. Als sich die positiven, gerade zu überschwänglichen Rezensionen ins Netz ergossen, wurde ich neugierig, zögerte aber noch, da es sich um einen Thriller handelte. Thriller und ich, das ist so eine Geschichte. Vor ein paar Jahren hatte ich kein Problem mit blutiger Spannungsliteratur à la Fitzek & Co. Das hat sich erheblich geändert, ich bin sehr empfindlich geworden, kann Blutiges und Brutales überhaupt nicht mehr ertragen. Aus diesem Grund habe ich mich dann auch mehrmals erkundigt, ob ich mich an den Titel wagen könnte. Nachdem grünes Licht kam, gab es kein Halten mehr – das also als kleinen Hinweis an die Leser unter euch, die ebenso zarte Lesepflänzchen wie ich sind.

Ein Psychothriller vom Feinsten

Die Falle - aufgeschlagene Seite

Dieses. Buch. macht. mich. fertig!

Ich wurde nicht enttäuscht, ganz im Gegenteil. Melanie Raabe hat mich mit ihrer absolut einzigartigen, wunderbaren Sprache wortwörtlich in die literarische Falle gelockt und bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Sie hat mich um den Finger gewickelt, scheinbar an der Hand genommen, um mich mit sich zu ziehen, mich im nächsten Augenblick jedoch mit verschwörerischem Blick zu fixieren, als ob sie mir sagen wollte: „Na? Bist du dir ganz sicher, dass alles so geschehen ist?

Mehr als einmal saß ich im Lesesessel und gab wohl eine höchst interessante, bibliophile Geräuschkulisse und Mimik zum Besten, die offensichtlich für reichlich Schmunzeln im Hause Büchernische sorgte. Mal knurrte ich leise vor mich hin, um im nächsten Augenblick die Augen aufzureißen, die Hand auf den Mund zu schlagen und – ich schwöre, ich war kurz davor – um ein Haar in den Buchrücken zu beißen. Frau Raabe weiß, wie man dem Leser erst ein paar kleine Häppchen hinwirft, um ihn auf eine falsche Fährte zu locken und dann doch im letzten Moment einen Haken schlägt.

Tiefgründige Charakterzeichnung

Dabei bedient sie sich einem unglaublich bildhaften Sprachduktus. Mittels zahlreich wiederholter Wortfolgen, lediglich durch Kommata abgetrennt, spiegelt sie in einer stakkato-artigen Schreibe die verzweifelte Hektik und Panik der Protagonistin wieder. Melanie Raabe weiß zu formulieren, mit Wortkonstruktionen zu spielen und dabei den Leser mit subtilen Andeutungen unweigerlich zwischen die Seiten zu ziehen. Immer tiefer und tiefer tauchte ich in die Psyche Linda Conrads ein, ließ ihre blitzartig aufleuchtenden Gedankenfetzen auf mich wirken und ertappte mich oft genug dabei, am Verstand der Protagonistin zu zweifeln. Melanie Raabe erschuf mit der Bestsellerautorin einen tiefgründigen, traumatisierten Charakter mit Ecken und Kanten, welche ein exzentrisch wirkendes Leben inmitten ihrer eigenen vier Wände führte und sich im Laufe der Handlung zunehmend als starke, mutige Persönlichkeit entpuppte.

„Meine Angst ist ein tiefer Brunnen, in den ich gefallen bin. Ich treibe senkrecht im Wasser, mit den Zehen taste ich nach dem Grund, aber da ist gar nichts, nur Schwärze.“ – Seite 169

Als zusätzliches Highlight bettet Melanie Raabe in ihr insgesamt 35 Kapitel umfassendes Debüt ein Buch-im-Buch-Konzept ein. Dabei wechselt sie zwischen der in Ich-Perspektive geschilderten Geschichte Linda Conrads und dem aktuellem Thriller der Protagonistin – welche ja wie oben beschrieben Bestsellerautorin ist -, mit dem Titel ‚Blutsschwestern‚ hin und her. Um diese beiden Erzählstränge auch optisch besser voneinander unterscheiden zu können, wird für die eingebetteten Romanpassagen eine serifenlose Schriftart verwendet.

Es mangelte nicht an geschickter Raffinesse und verblüffenden Überraschungsmomenten, die mich bis zu letzt an meiner Spürnase zweifeln und dieses ausgeklügelte Verwirrspiel in einem genussvollen, psychologischen Spannungsfeuerwerk explodieren ließen. Wo bleibt das nächste Buch, liebe Melanie?

Mein Fazit: Melanie Raabe legt mit ihrem Erstlingswerk ein zum Zerreißen spannendes Psychodrama mit allerlei ausgeklügelten, erzählerischen Tricks vor, das mich erbarmungslos mit sich riss, mehrmals an den Rand des Wahnsinns trieb und mich das Buch letzten Endes hervorragend unterhalten zuklappen ließ. Dieser Thriller ist nicht einer unter vielen, sondern eine wahre Perle, ein Spannungsfeuerwerk voller überraschender Erzählfunken und knisternder Atmosphäre, das mir noch lange im Gedächtnis haften bleiben wird. Ich bin sehr gespannt, was wir von dieser vielversprechenden Autorin noch zu lesen bekommen werden, denn sie schreibt bereits an einem neuen Projekt. Bis es soweit ist, kann ich euch diesen Psychothriller nur ans Herz legen, selbst denjenigen unter euch, die diesem Genre eher weniger abgewinnen können.


Melanie Raabe | Die Falle
btb Verlag | 9. März 2015
Hardcover, 352 Seiten | 978-3-442-75491-5 | 19,99€
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Meine Wertung:

5of5

Lesehighlight in der Kategorie Krimi & Thriller 2015 

Prädikat Buechernische Lesehighlight


Weitere Rezensionen zum Buch bei Die Liebe zu den Büchern | Lottas Bücher | Primeballerinas Books | Sharonbaker liest | Büchermonster | Papiergeflüster

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13 Comments

  • Reply {Buchtalk #1} Leseflaute & Luxusproblemchen | Büchernische 31. Juli 2015 at 01:26

    […] habe. Spannung hatte ich in den letzten Monaten gleich mit zwei Titeln, wobei mir Melanie Raabes »Die Falle« um einiges besser gefiel als das ein wenig an Gone Girl erinnernde Psychospielchen »Girl on the […]

  • Reply Steffi 26. Juli 2015 at 17:41

    Na toll! Ich hab es kommen sehen und mich deswegen wohl auch um deine Rezension herumgeschlichen: ich muss es nun lesen. Unbedingt. Die sympathische Melanie Raabe hab ich während des Lovelybooks Lesertreffens auf der Leipziger Buchmesse schon kennengelernt, damals hat sie ganz bescheiden von ihrem Buch erzählt. Ein Grund mehr, mich dieser Geschichte anzunehmen. Eigentlich kommt man ohnehin nicht mehr um dieses Buch herum wie mir scheint, überall ploppen die Lobeshymnen aus dem Boden.

    Liebe Grüße und noch einen sonnigen Restabend,

    Steffi

    • Reply Sandra 26. Juli 2015 at 19:45

      Sorry, not sorry :)) tja liebe Steffi, es hilft wohl nichts, du wirst es lesen müssen. Aber mal im Ernst, es ist wirklich gut. Tolle Schreibe, spannende Wendungen und gute Charaktere. Da stimmt einfach alles.

      Ich bin gespannt, wie es dir gefällt :)

      Schönen Sonntagabend ♥
      Sandra

  • Reply {Buchtipp} Paula Hawkins - Girl on the Train | Büchernische 8. Juli 2015 at 18:06

    […] Büchern erst einmal aus Prinzip aus dem Weg. Zuletzt konnte ich dem fabelhaften Thriller »Die Falle« von Melanie Raabe nicht widerstehen, dessen Rechte bereits vor Erscheinen ins englischsprachige […]

  • Reply {Blogtalk am Wochenende} Plaudern & Stöbern | Büchernische 5. Juni 2015 at 13:01

    […] die ich schon gelesen oder auf der Wunschliste weit oben stehen habe, darunter Melanie Raabes »Die Falle«, Jasmine Wargas »Mein Herz und andere schwarze Löcher« und »Teo« von Lorenza Gentile. Stimmt […]

  • Reply Nicole W./LilStar 5. Juni 2015 at 00:44

    Huhu Sandra!

    Ich muss dir da absolut zustimmen. Ich fand „Die Falle“ auch richtig klasse. Ein wirklich toller und besonderer Thriller. Mich konnte Melanie Raabe auch total mitreißen. Auf ihr neues Buch bin ich nun auch total gespannt und erwarte etwas ähnlich tolles. Aber wie das mit den Erwartungshaltungen so ist … Naja, warten wir es ab ;)

    GlG,
    Nicole

    • Reply Sandra 5. Juni 2015 at 08:46

      Guten Morgen liebe Nicole,

      Ich kenne das und warte auch lieber ab. Bisher weiß ich noch nicht, in welchem Genre sie schreibt und ich denke, sie wird es noch nicht verraten dürfen. Ich hatte sie glaube ich schon mal gefragt. „Die Falle“ war mein erster Thriller seit Ewigkeiten und absolut klasse. Subtile, knisternde Spannung. So muss das sein :)

      Hab ein schönes Wochenende ♥

      Liebe Grüße zurück
      Sandra

  • Reply {Resumé} Gelesen, genossen, zugeklappt 5|15 | Büchernische 31. Mai 2015 at 22:28

    […] und gleichzeitig das erste Krimihighlight in diesem Jahr war Melanie Raabes fabulöses Debüt »Die Falle«, das Anfang des Jahres im Randomhouseimprint btb Verlag erschienen ist. Dieser Thriller ist […]

  • Reply Kristina 28. Mai 2015 at 19:02

    Huhu liebe Sandra,

    jetzt hab ich auch endlich mal auf deinem Blog gestöbert und bin gleich über deine Rezi hier gestolpert. <3 Ich fand das Buch auch wahnsinnig toll und ich LIEBE deine Rezension. Kann ich so nur unterschreiben. ;)

    Darf ich kurz ein bisschen angeben? :D Ich sehe Melanie Raabe am Montag live bei einer Lesung in Berlin! *_* Und ich freu mich schon so! <3 Ein Bericht auf dem Blog folgt und für unsere Leser mag ich dann noch ein paar Autogrammkarten abstauben zum Verlosen, damit ihr auch was davon hatb. :)

    Ganz ganz liebe Grüße und wir lesen uns! ;)

    Kristina

    • Reply Sandra 26. Juli 2015 at 19:46

      Huhu liebe Kristina,

      warum habe ich deinen Kommentar übersehen? :( sowas… sorry!

      Das Buch war so absolut klasse. Da kam lange kein Buch dieses Genres ran, seit ich das gelesen habe, auch nicht ‚Girl on the Train‘. Das gefiel mir ja leider gar nicht sooo gut. Schade. Wie war die Lesung in Berlin?

      Liebe Grüße
      Sandra ♥

    • Reply Kristina 3. August 2015 at 18:31

      Kein Problem, kann ja mal passieren. ;)

      „Die Falle“ ist auch eins meiner Lieblingsbücher überhaupt und einer der besten Thriller, die ich gelesen hab. Die Lesung war super und Melanie absolut sympathisch! Hast du meinen Beitrag schon gelesen? Falls nicht, büddeschööön: http://www.tintenmeer.de/2015/06/04/bericht-lesung-melanie-raabe-gewinnspiel/

      Ganz ganz liebe Grüße zurück! <3

  • Reply primeballerina 17. Mai 2015 at 22:04

    Ich bin so froh (und erleichtert), dass dir „Die Falle“ genauso gut gefallen hat wie mir und auch so vielen anderen – ich merke gerade, dass mir keine anderen aktuellen Thriller gefallen, weil der von Mel Raabe so hohe Maßstäbe gesetzt hat. Meh. Da muss eindeutig und sehr bald bitte Nachschub her – oder? ;-)

    Liebste Sonntagsgrüße,
    Jess

    • Reply Sandra 17. Mai 2015 at 22:13

      Unununununbedingt liebe Jessi! ♥

      Ja, du kannst erleichtert sein ;) ein paar Szenen haben mir zugesetzt, aber ich habe mir schon gedacht, dass ich nicht ganz drumherum kommen werde. Kapitel 30 z.B.

      Melanie hat einen verdammt guten Start hingelegt und wenn ich so an ihr Foto bei Facebook denke, wo sie vor ihrem Plattenregal sitzt und am nächsten Buch tippt, werde ich hibbelig. Was es wohl ist? Welches Genre? Hmm… :)

      Liebste Sonntagsgrüße und eine dicke Umarmung ♥
      Sandra

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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