Rezensionen

Jonas Winner – Der Architekt {Buchrezension}

19. Oktober 2012

Liebe Thrillerfans,

Heute möchte ich euch einen subtilen Psychothriller aus dem Droemer Knaur Verlag vorstellen, herzlichen Dank an dieser Stelle an den Verlag und lovelybooks.de für das bereitgestellte Rezensionsexemplar, welches zusammen mit einem bei she’s got the book gewonnenen »Die verborgene Sprache der Blumen« von Vanessa Diffenbaugh im Karton lag, dafür ebenfalls ein dickes Dankeschön!

Psychospiel in Deutschlands Hauptstadt

Jonas Winner - Der ArchitektJonas Winners neuer Thriller »Der Architekt«, erschienen im Droemer Knaur Verlag im Oktober diesen Jahres, spielt in unserer Hauptstadt Berlin. Dort sitzt Julian Götz, seines Zeichens international anerkannter Architekt, Ehemann & Vater zweier Töchter vor dem Moabiter Kriminalgericht auf der Anklagebank, im Verdacht seine Familie umgebracht zu haben. Fasziniert von diesem Prozess, beschließt der Drehbuchautor Ben Lindenberger aus seinem gewohnten Alltagstrott auszubrechen und setzt sich mit dem 49jährigen Architekten in Verbindung, um ihm vorzuschlagen ein Buch über ihn und den Fall zu schreiben. Erst nach einer Weile wird im klar, wie sehr ihn die Geschichte immer tiefer in einen Strudel aus Intrigen, Geheimnissen und dunkle Begierden zieht…

Gute Idee, aber…

Als ich das Buch das erste Mal in der Hand hielt, fiel mir als erstes das geometrisch gestaltete Cover auf. Schwarz-weiße Balken finden sich zu einem Fluchtpunkt in der Mitte des Buches zusammen, wie als ob man durch einen langen Flur geht, dessen Wände auf diese Weise gestaltet wurden, hinein in eine schwarze, unbekannte Welt. Nachdem ich das Buch aus der Hand gelegt habe, muss ich ehrlich zugeben, dass das Cover sehr gut zum Inhalt passt.

Lovelybooks Oktober Lesechallenge 2012In »Der Architekt« dreht sich alles um Architektur, das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung, welche sich in mehrere Handlungsstränge aufteilt. Viele architektonische Details werden umfangreich beschrieben, man merkt dass der Autor hier entweder sehr gut recherchiert oder selbst viel Interesse an Architektur hat. Teilweise nimmt dies ein wenig überhand und ich habe stellenweise das Gefühl, dass die Handlung nicht so recht in Fahrt kommen will. Spannung erzeugt der Autor definitiv, ich wollte unbedingt weiterlesen, denn schließlich wollte ich erfahren, wer denn nun der Mörder ist, war es der Architekt oder nicht?

Als nächstes stellte sich die Frage, was es mit Mia auf sich hatte, denn die Geschichte um das Mädchen bildet einen weiteren Handlungsfaden. Mia, eine junge Frau, die von ihrer Freundin auf eine dubiose Party in eine noch dubiosere Umgebung mitgenommen wird, findet sich plötzlich in einem Raum wieder, eingesperrt, abgeschnitten von der Außenwelt, inmitten der Dunkelheit und der Geräuschkulisse hämmernder Bässe, inmitten von sich windenden Leibern, die sich gegenseitig in Extase treiben. Wie dieser Teil des Plots mit der restlichen Handlung zusammenhängt, erfährt man als Leser erst sehr spät im Buch. Das wiederum gefiel mir sehr gut, denn ich wusste Mias Rolle bis weit über 75% des Buches nicht wirklich einzuordnen. Die Hinweise darauf verdichten sich erst im letzten Viertel des Buches und es fällt einem wie Schuppen von den Augen. Pluspunkt für Herrn Winner, denn er weiß, den Leser spannend zu unterhalten und diese Spannung auch bis zum Schluss aufrecht zu erhalten.

Abgründe der menschlichen Seele!

Was mich allerdings ein wenig störte, was der Fakt, dass das Buch mehr „Psycho“ als „Thriller“ ist. Unterstützt wird dies noch zusätzlich durch eine Unmenge von Dialogen, die den Großteil der Handlung ausmachen. Die Art und Weise, wie der Autor die Dialoge im Buch wiedergibt, gefällt mir, aber ich stellte mehr und mehr fest, dass es auf Dauer ermüdend war, mehr Gesprochenes als wirkliche Handlung zu lesen. Die Aktion blieb meines Erachtens ein wenig auf der Strecke, denn auch wenn es ein Psychothriller ist, hätte ich mir ein wenig mehr Power hinter den Zeilen gewünscht. Die Idee hinter den knapp 400 Seiten ist klasse, wirklich! Sie überraschte mich, wiederum ein Pluspunkt für das Buch. Aber da wäre mehr drin gewesen, das Potential der Thematik, die düster, berauschend und faszinierend zugleich ist, wurde nicht vollends und ausreichend ausgeschöpft.

Dennoch muss ich ehrlich zugeben, dass ich das Buch insgesamt nicht schlecht fand, es las sich gut, teilweise verwirrend, ich möchte sagen: grotesk, subtil, schockierend! Wenn man wirklich bis zum letzten Satz durchhält – das Ende war gelungen – stellt man fest, welch dunkle Abgründe die menschliche Seele offenbaren kann, wie krank, geistig krank und besessen man werden kann – wenn man es denn zulässt! Ich habe mich wirklich erschrocken, als ich die letzten 30 Seiten des Psychothrillers las und war zutiefst bewegt, als die ersten Szenen den Tod der beiden unschuldigen Kindern umschrieb. Da gefriert einem als Mutter das Herz in der Brust.

Architektonische Feinheiten

Man sollte dieses Buch doch mit einer gewissen Aufmerksamkeit lesen, denn ich hatte das Gefühl, gerade die Kleinigkeiten machten hier sehr viel aus. Fasziniert, da ich ein sehr kreativ veranlagter Mensch bin, war ich von den Details zur Architektur, die Beschreibung der Gebäude, die Wirkung der Farben und die Tatsache, dass Räume einen emotionalen Effekt auf den Bewohner oder Besucher haben können. Was das betrifft, ging Jonas Winner sehr ins Detail, umschrieb die Gefühle und Emotionen sehr eindrucksvoll und ließ mich durch eine Welt wandern, die auf dem Zeichenbrett umrissen und anschließend mit Materialien und Knowhow in die Tat umgesetzt wurde. Überzeugend zeichnete der Autor auch das Charakterbild des Architekten: exzentrisch, jähzornig, zielstrebig und absolut von sich und seiner Arbeit, seinen Ideen überzeugt. Dabei blieben aber die emotionalen Aspekte der Protagonisten ein wenig auf der Strecke, während der Drehbuchautor noch sehr überzeugend an den Leser transportiert wurde, wenn auch ein wenig befremdlich, waren andere Personen recht blass, ja farblos.


Jonas Winner | Der Architekt
Droemer Knaur | Oktober 2012
Taschenbuch, 384 Seiten | 9783426512753 | 9,99€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Die Idee hinter dem Buch ist sehr gut, aber das Potential wurde nicht vollends ausgeschöpft. Wer sich für Architektur interessiert, gleichermaßen subtile Psycho-Stories liebt, Dialoge liebt und in die Abgründe der menschlichen Seele eintauchen will, der wird mit diesem Buch gut beraten sein!

Meine Wertung:
4of5

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3 Comments

  • Reply Gelesen, genossen & zugeklappt – Resumé Oktober 2012 – Die Büchernische 1. November 2012 at 18:36

    […] mit der Lesechallenge Oktober bei lovelybooks.de, dabei drehte sich alles um Jonas Winners »Der Architekt«, ein Psychothriller aus dem Droemer Knaur Verlag, der nicht jedermanns Sache war. Manchen war er […]

  • Reply Willkommen in meinem Bücherregal, liebe Bücher! – Die Büchernische 26. Oktober 2012 at 10:33

    […] Wie einige ihr sicher bemerkt habt, hat nun auch mein Blog sein Herbstkleid angelegt – ich hoffe, es gefällt euch -, wenn auch etwas farbenfroher als das derzeitige Wetter draußen vor der Türe. Grau, dunstverhangen und nebelig präsentiert sich derzeit die Wetterlage in den letzten Tagen hier im Osten Brandenburgs, nicht weit von der polnischen Grenze entfernt. Da frage ich mich doch, wie ich vernünftige Fotos für die Lesechallenge Oktober auf lovelybooks.de machen soll. Zum Haare raufen ist das *lach* dabei hat sich Karla & ihr Team eine tolle Aufgabe ausgedacht. Wir lesen aktuell im Oktober den Psychothriller »Der Architekt« von Jonas Winner aus dem Droemer Knaur Verlag, ein Buch welches sich rund um die Abgründe menschlicher Psycho inmitten Berliner Architektur dreht. Meine Rezension dazu findet ihr übrigens hier. […]

  • Reply Lesemarathon auf Goodreads – 19. bis 21. Oktober 2012 – Die Büchernische 20. Oktober 2012 at 14:16

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