Rezensionen

Jenny Valentine – Durchs Feuer {Buchrezension}

10. März 2016

Kindernische, März 2016

Liebe Leser,

in den letzten Tagen war ich nach langer Zeit mal wieder Teilnehmer bei einer Leserunde und möchte euch dieses Buch nun ausführlich vorstellen. Jenny Valentine – dieser Name war mir vor unserer Leserunde zu ihrem aktuellen Jugendroman »Durchs Feuer« kein Begriff. Titel wie ‚Kaputte Suppe‚ waren mir zwar schon einmal begegnet, jedoch hatte ich mich mit ihren Büchern bisher nicht beschäftigt. Das schlichte Cover des gerade einmal 220 Seiten umfassenden und damit recht schlanken Buchs, das im dtv Verlag unter dem Label Reihe Hanser erschien, wäre mir wohl auf den ersten Blick gar nicht aufgefallen. Viele meiner Mitleser lobten Valentines Schreibe, doch was unterscheidet dieses Buch von anderen Büchern seines Genres? Dies und wie mir die Geschichte gefiel, möchte ich jetzt in meiner Besprechung berichten.

Durchs Feuer

durchs_feuer-9783423429092Iris Leben ist ein einziges Chaos. Ihre Mutter interessiert sich kaum für die Sorgen und Nöte ihrer Tochter, kümmert sich stattdessen lieber um ihre Fingernägel oder streichelt ihre frisch erworbenen Pumps. Auch das Verhältnis zu ihrem Stiefvater, einem vermeintlich erfolgreichen Soapstar, lässt sich wohl am ehesten mit dem Adjektiv ‚distanziert‘ beschreiben. Das junge Mädchen greift gerne mal zum Zündholz und legt ein Feuer, einfach nur um Frieden für sich zu finden. Als sie erfährt, dass ihr leiblicher Vater Ernest todkrank ist und im Sterben liegt, reagiert Iris zunächst abweisend. Warum sollte sich ihr Vater nach all den Jahren auf einmal für sie interessieren? Im Laufe der Zeit jedoch lernt sie nicht nur ihn, sondern auch ihre Mutter und nicht zuletzt sich selbst kennen…

Auf dieses Buch bin ich durch einen puren Zufall gestoßen. Ich war gerade auf Lovelybooks unterwegs, um ein wenig in aktuellen Neuerscheinungen zu stöbern und meine virtuellen Bücherregale zu ordnen, als ich auf die Leserunde zu Durchs Feuer stieß. Während das Cover mit seiner komplementären Farbwahl zunächst für wenig Aufmerksamkeit sorgte, wirkten sowohl der Klappentext als auch die Leseprobe um einiges verlockender.

Mit den Worten „Jenny Valentine hat schon viele Jugendbücher veröffentlicht, die allesamt realistische Themen auf besondere Art aufgreifen und damit ihre Leser berühren.“ lud uns Dani zur Leserunde ein und so entschloss ich mich schließlich dazu, zwischen meinen SuB-Büchern doch einmal wieder einmal eine Novität zu lesen und bewarb mich für die Leserunde. Letzte Woche habe ich schließlich die letzte Seite umgeblättert und musste das Gelesene erst einmal verdauen. Ich war hin- und hergerissen.

Manchmal ist es die Unmöglichkeit von etwas, die es unwiderstehlich macht. – Seite 190

Facettenreiche Schreibe

Zu allererst muss ich sagen, dass Jenny Valentine einen fabelhaften Schreibstil hat. Mit jeder Seite entfacht sie ein Feuerwerk aus Worten, spielt mit Metaphern und und wickelt den Leser mit ihren Formulierungen um ihren Finger. Dennoch fiel mir der Einstieg in Durchs Feuer schwer. Es dauerte eine Weile, bis ich Zugang zur Protagonistin fand, deren pyromanische Verhaltensauffälligkeit vor allem zu Beginn sehr befremdlich wirkte. Man hätte meinen können, dass gerade Valentines intensive, facettenreiche Schreibe eine stärkere Verbindung zwischen mir und dem Buch herzustellen vermochte, doch leider war dies nicht ganz der Fall.

Jenny Valentine, Durchs Feuer, Rezension, dtv Verlag

Pyromanie – mal etwas Anderes.

Iris war geradezu besessen vom Feuer, von seiner Macht, in einer Sekunde Wärme zu spenden und in der nächsten für völlige Zerstörung zu sorgen. Sie gierte nach den züngelnden, knisternden Flammen, nach sengender Hitze auf ihrem Gesicht und dem intensiven Geruch verbrannten Materials. Feuer schien ihr Ventil zu sein, um mit der familiären Situation klar zu kommen – als ob das gefährliche Spiel mit dem heißen Element eine gewisse Sicherheit verschaffte, Kontinuität in einem zerrütteten Alltag. Sie scheint nach Aufmerksamkeit zu schreien, nach einem Quentchen Liebe zu betteln. Dabei war sie jedoch stets darauf bedacht, niemandem gesundheitlichen Schaden zuzufügen oder mutwillig Eigentum zu zerstören.

Ich schirmte die winzige Flamme ab, bewegte sie langsam, damit ihr eigener Luftzug sie nicht auslöschte, und dann legte ich sie an die zerknüllten Magazinseiten. Die lächelnden Models krümmten sich und verkohlten, und als ein Regenbogen aus Grautönen stieg der Rauch empor. Ich spürte, wie sich die Hitze vor mir schlängelte, als das Feuer aufloderte, quirlig wie Quecksilber, wie Zauberei.“ – Seite 31

Im Gegenteil: Sie nannte es „aufräumen“. Während andere Kinder ihres Alters Bücher lasen oder Skateboard fuhren, entfachte Iris eben ein Feuer in einem verlassenen Schwimmbad. Jenny Valentine bringt damit ein sehr ernstes Thema zur Sprache, das mir in diesem Genre noch nicht begegnet ist. Schön zu sehen, dass sich Autoren und Verlage heutzutage noch trauen, Inhalte jenseits von Suizidt oder Krebserkrankung in Jugendbüchern zu realisieren. Der Markt wurde in den letzten Jahren ja gerade zu von TFIOS-Nachfolgern überschwemmt.

Gelungene Charakterzeichnung

Zurück zum Thema und einem weiteren Pluspunkt. Jenny Valentine beweist, dass sie ein Händchen für Charakterzeichnung hat. Die Autorin hat mit Iris einen sehr sensiblen und unglaublich willensstarken Charakter erschaffen. Es imponierte mir sehr, wie sich das junge Mädchen trotz ihrer Lebensumstände zu einem intelligenten, wortgewandten Menschen entwickelt hat, welche mit ihrer Mutter allenfalls das x-Chromosom gemeinsam hat. Iris verabscheut nichts mehr als das oberflächliche Schubladendenken ihrer Mutter – und zeigte das auch recht offen – ein weiterer Sympathiepunkt. Weder ihre Mutter noch ihr Stiefvater interessieren sich für Sorgen und Nöte des Teenagers, was mich zeitweise wirklich sehr wütend gemacht hat. Wer bitteschön spricht seine Mutter mit Vornamen an? So viel Ablehnung, so viel Gleichgültigkeit gegenüber seinem eigen Fleisch und Blut. Unfassbar. Zum Glück scheinen Ernest Gene auf das Mädchen, jedenfalls bezüglich ihres Charakters, abgefärbt zu haben.

„Was sollen wir mit der Wirklichkeit,“ fragte er mich einmal, „wo es doch so viele bessere Versionen von ihr gibt, die einen zerstreuen können?“ – Seite 79f.

Hannah ist Antipathie pur. Die Autorin hat diese Figur so unglaublich unsympathisch und berechnend dargestellt, dass ich gar nicht anders konnte, als sie zu hassen. Ach, wie gut ich Iris Wut auf ihre Mutter Hannah nachvollziehen konnte. Manche Szenen erinnerten mich zeitweise an ähnliche Erlebnisse und sorgten dafür, dass ich meine Lektüre kurz unterbrechen und durchatmen musste.

Einzig in Thurston hatte Iris einen Freund gefunden, der ihr Rückhalt gab, zuhörte und nicht in Frage stellte, warum sie das Haus nie ohne Zündhölzer verließ. Ich mochte diesen jungen Mann in dem Moment, als er Iris das erste Mal begegnete und musste ein ums andere Mal feststellen, dass ich zu dieser Figur mehr Zugang fand als zur Protagonistin selbst. Schade, dass er nicht weiter ausgearbeitet wurde.

„Wir können alles sein“, sagte Thurston. „Wenn die Masse des Universums sich nie ändert, dann müssen wir ein Teil davon sein, wenn wir sterben.“ – Seite 113

Distanz zum Leser

So war zumindest mein Versuch, Verständnis für Iris pyromanisches Verhalten zu entwickeln, nicht unbedingt von Erfolg gekrönt. Trotz der Tatsache, dass die Autorin eine durchgehend authentische, zugegebenermaßen sehr faszinierende und dynamische Persönlichkeit geschaffen hatte, fiel es mir schwer, ihre heiße Liebe zum Feuer zu verstehen. Ich hätte mir hier noch etwas mehr emotionale Tiefe versprochen. Die Autorin schuf mit ihrer einzigartigen Schreibe stets eine gewisse Distanz zu ihren Figuren, was den Zugang zu Iris zusätzlich erschwerte. Womit sie allerdings mein Herz öffnete, war ihre Art, Dinge zu hinterfragen und vor allem ihre Liebe zur Malerei. Iris und ihr leiblicher Vater Ernest verbindet ein intensives Interesse an Kunst & Kultur und so erfreute ich mich an intensiven Gesprächen über Hyperrealismus oder Yves Kleins künstlerische Extravaganz. Überhaupt gefiel mir diese sich langsam entwickelnde Vater-Tochter-Beziehung sehr gut; sie legte sich wie ein schützendes Band um diese beiden Figuren und drängte alles Negative allmählich ins Abseits. Weder ihre Mutter noch deren Lebensgefährte hatten eine Chance, diese Verbindung zu stören, was bei mir ein gewisses Gefühl von Genugtuung auslöste.


Jenny Valentine | Durchs Feuer
dtv Verlag | 19. Februar 2016 | ab 12 Jahren
Klappenbroschur, 220 Seiten | 978-3423650205 | 14,95€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Trotz all dieser positiven Aspekte und einem überraschenden Finale vermochte mich das Jenny Valentines »Durchs Feuer« letzten Endes, nach ein wenig Bedenkzeit, nicht vollends zu überzeugen. Selbst der blumige, beinahe lyrisch wirkende und sehr facettenreiche Schreibstil konnte nicht vollständig darüber hinwegtäuschen, dass ich mit dieser Lektüre und seiner Hauptfigur nicht recht warm werden wollte. Ich denke, die Tatsache, dass ich beinahe zwei Wochen an dieser Besprechung geschrieben, korrigiert, Passagen gelöscht und fortwährend nach Worten für meine widersprüchlichen Empfindungen gerungen habe, spricht eine sehr deutliche Sprache. Obwohl der Funke nicht vollständig übersprang, fühlte ich mich auf weiten Strecken gut unterhalten und schwanke gefühlsmäßig irgendwo in der goldenen Mitte zwischen drei und vier Leseherzen. Da ich nur ganze Bewertungspunkte vergebe und vor allem von Valentines Schreibe sehr beeindruckt war, erhält Durchs Feuer mit seiner interessanten Thematik und Valentines eindrucksvoller Schreibe insgesamt noch vier Leseherzen. 

Meine Wertung:4 Leseherzen

Danke an Lovelybooks & dtv für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars

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