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Lesehighlight 2012: Jay Asher – Tote Mädchen lügen nicht {Buchrezension}

15. September 2012

13 Kassetten - Jay Ashers "Tote Mädchen lügen nicht"Vor mir liegt ein Buch in einem dunkelroten Umschlag, die Ecken sind ein wenig geschwärzt, in schwarzen großen Buchstaben prangt »Tote Mädchen lügen nicht« in der Mitte des Covers. Dreizehn grüne mit irgendeiner Flüssigkeit geschmierte Striche sind zwischen den Zeilen zu sehen. Die Gestaltung von Jay Ashers Bestseller wirkt düster und passt wie Faust aufs Auge zu seinem Buch, das ich vor ein paar Stunden zu Ende gelesen habe, das mich gepackt, wütend, betroffen und traurig machte. Ein Buch, das nun schon fünf Jahre auf dem Buchmarkt zu haben ist und dennoch ein immer noch erschreckend aktuelles Thema in den Vordergrund der Aufmerksamkeit seiner Leser stellt: Mobbing und seine Folgen für den betroffenen Menschen und seine Umgebung…

13 Kassetten – ein Hilfeschrei!

Tote Maedchen luegen nicht von Jay Asher

Tote Maedchen luegen nicht von Jay Asher

„Hallo zusammen. hier spricht Hannah Baker. Live und in Stereo […] Keine Wiederkehr. Keine Zugabe. Und diesmal auch absolut keine Forderungen. Ich hoffe ihr seid bereit, denn ich will euch die Geschichte meines Lebens erzählen. Genauer gesagt, warum mein Leben ein Ende fand. Und wenn ihr diese Kassetten hört, dann seid ihr einer der Gründe dafür.“ – Worte eines jungen Mädchen, das gerade Selbstmord begangen hat, Worte eines Mädchen, das nicht mehr aus und ein wusste, weil sie sich gedemütigt, bloßgestellt und alleingelassen fühlte. Auf dreizehn Kassetten nahm sie ihre Geschichte auf und Clay ist der nächste, der das Paket vor seiner Haustür findet. Warum hält er nun dieses Paket in seinen Händen, was möchte Hannah ihm mitteilen?

Mein Leseeindruck

Ashers Jugendbuch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben und wechselt zwischen der Stimme Hannahs, ihrer in Kursivschrift zu „hörenden“ Nachricht auf Kassette und den Gedanken & Gefühlen im gleichen Augenblick Clays hin und her. Wenn man sich einmal daran gewöhnt hat – das ging bei mir recht schnell, denn es ist eindeutig typografisch gekennzeichnet – findet man sehr schnell in die bedrückende Stimmung des Buches hinein. »Tote Mädchen lügen nicht« ist ein sehr treffender Titel für ein Buch, das auf geradezu gefühlsgewaltiger Ebene dem Leser das Thema Mobbing veranschaulicht, das einem das Blut gefrieren lässt, das einen geschockt hinter seinem Buch zurücklässt und schonungslos die dunklen Gedanken eines Mädchens zeichnet, das Selbstmord als letzten Ausweg aus diesem Teufelskreis wählte.

Der Empfänger dieser Kassetten, dessen inneren Kampf der Autor sehr eindrucksvoll emotional beschreibt, ist sich sehr lange unsicher, warum ausgerechnet er diese Nachricht zugesandt bekam. Der Spannungsbogen, den Asher damit aufbaut, flaut an keiner Stelle des Buches ab, er zieht sich bis zum bitteren Ende ohne Atempause durch und ich konnte das Buch nicht mehr weglegen. Man weiß ja leider, dass Hannahs Leben endet, doch die Frage nach dem Warum beantwortet der Autor in einer unglaublich sensible und zugleich schonungslose Art und Weise. Ich litt mit der jungen Frau, die so unfair behandelt wurde, konnte förmlich das schwarze Loch spüren in das sie sich fallen ließ, beinahe dankbar für die ersehnte Dunkelheit des Vergessens. Jay Ashers Buch rüttelt auf, es warnt vor Ignoranz und Scheuklappenverhalten gegenüber seiner Umwelt. Es macht aufmerksam, es schreit „Hilf mir, sieh nicht weg, sieh hin!“ Man hat nur dieses eine Leben, wer möchte das schon verbringen mit dem Wissen, jemanden in den Tod getrieben zu haben?

Das Buch sprach mich persönlich sehr an, da ich ebenfalls in meiner Schulzeit Opfer von Mobbing geworden bin. Das ist kein Thema, vor dem man sich verstecken sollte, vielmehr sollte man es in die ganze Welt hineinrufen, dass niemand, niemand! das Recht hat, seine Mitmenschen psychisch zu quälen, denn die Folgen können furchtbar sein. Nicht jeder Charakter ist gerade in der Pubertät so stark, dem widerstehen zu können. Was passieren kann, führt uns Jay Asher schonungslos vor Augen! Ich bin froh, dass meine Tochter immer zu mir kommt nach der Schule, um mir zu erzählen, wenn sie in der Schule mal wieder von den Jungs geärgert wurde. Das kann so harmlos sein, doch irgendwann kann aus Spaß bitterer Ernst werden, davor möchte ich sie bewahren. Sprecht mit euren Kindern darüber, was in der Schule vor sich geht, achtet auf Kleinigkeiten, beobachtet ob sie sich anders verhalten. Heute gibt es viele Kursangebote in Schulen, in denen den Kindern Konfliktbewältigung ohne physische oder psychische Gewalt beigebracht wird. Ein guter Ansatz!


Jay Asher | Tote Mädchen lügen nicht
cbt Jugendbuch | September 2009 | ab 13 Jahren
Hardcover, 448 Seiten | 978-3-570-16020-6 | 14,95
zum Buch auf der Verlagsseite


Mein Fazit: Tote Mädchen lügen nicht muss man gelesen haben, denn kein anderes Buch brachte mir das Thema Mobbing bisher gefühlsintensiver und authentischer näher! Ein Mahnmal für alle, die sich gar nicht bewusst sind, wie schmerzhaft ein Wort sein kann, ein Blick, eine kleine Geste…

Meine Wertung:
5of5

Prädikat: Lesehighlight der Büchernische

Prädikat ‚Besonderes Buch‘ 2012, Kategorie Jugendbuch

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15 Comments

  • Reply Wunschlistenexplosion: Hanser Verlage '15 | Büchernische 6. Mai 2015 at 20:50

    […] hätte es wissen müssen« fasziniert mich ebenfalls die Beschreibung, es klingt ein wenig nach »Tote Mädchen lügen nicht«, nur dass der Protagonist eben noch lebt. Alex Capus gefiel mir bei »Der Fälscher, die Spionin […]

  • Reply {Autoren hautnah} Zu später Stunde… | Büchernische 3. Mai 2014 at 12:52

    […] Meine Rezension zu diesem sehr eindrucksvollen Buch findet ihr {hier}. […]

  • Reply {SuB am Samstag #3} Zeigt her eure Stapel! | Büchernische 2. März 2014 at 14:44

    […] um dieses Thema findet man öfter bei mir im Bücherregal. »Vier Beutel Asche« von Boris Koch, »Tote Mädchen lügen nicht« von Jay Asher, »Für Akkie!« von Jacques Vriens und natürlich John Greens »Das Schicksal ist […]

  • Reply Seitenfetzer 9. Dezember 2013 at 18:00

    Hey,
    ich hatte in meinem Leben zwar auch indirekt mit Mobbing zu tun (wobei ich damals „nur“ die beste Freundin des Opfers war), jedoch konnte ich mich dennoch nicht mit dem Buch identifizieren.
    Mir war die Protagonistin einfach unsympathisch. Das mag vielleicht hart klingen, aber ich kann es nunmal nicht enden und ich gebe ungern irgendwem einen „Mitleidsbonus“. Ihre Wortwahl klang mir manchmal einfach zu sehr nach „Tja, da seht ihr, was ihr davon habt. Jetzt leidet euer Leben lang. Haha.“

    So gefiel mir persönlich „By the time you read this, I’ll be dead“ besser. Aber das ist ja Geschmackssache.

    Dennoch eine schöne Rezension. :)
    Mit freundlichen Grüßen,
    Seitenfetzer

    • Reply Sandra 23. Januar 2014 at 14:33

      Huhu lieber Seitenfetzer,

      ich denke, da hast du vollkommen recht. Das ist Geschmackssache, und das ist auch verdammt gut so. Wo kämen wir denn dahin, wenn jedem alle Bücher gefallen würden? Ich finde es interessant, wie andere das Buch bewerten und es auch einfach mal nicht so gut ankommt. Dein Buchtitel, den du genannt hast, kenne ich nicht, klingt aber sehr vielversprechend. Liest du lieber englische Bücher?

      Liebe Grüße und danke dennoch für das Kompliment ;-)
      Sandra

  • Reply Anika 3. September 2013 at 21:03

    Ich habe das Buch auch gelesen, das ist aber schon eine Weile her ;)
    und mich hat es auch sehr berührt. Ich finde es gut, dass auch über solche Themen gesprochen oder geschrieben wird, denn das ist eben doch ein Bestandteil unserer Gesellschaft, wenn auch kein schöner.
    Deine Rezi hat mir auch sehr gut gefallen und macht gleicht deutlich, worum es in dem Buch geht.
    LG
    Anika

    • Reply Sandra 4. September 2013 at 00:06

      Liebe Anika,

      bei mir ist es auch schon ein Weilchen her, aber ich erinnere mich noch gut an die Geschichte. Sie hat mir ähnlich gut gefallen wie John Greens „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Das könnte dich auch interessieren, wird auch gerade verfilmt :-)

      Liebe Grüße
      Sandra

    • Reply Anika 4. September 2013 at 15:07

      „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ habe ich auch schon gelesen ;) und es hat mir richtig gut gefallen, weil es so echt war. Am Ende habe ich mir allerdings die Augen aus dem Kopf geheult und es hat eine Weile gedauert, bis ich wieder zurechnungsfähig war :)

  • Reply Veilchenmond 2. März 2013 at 22:01

    Wenn ich etwas älter bin, möchte ich das Buch auch lesen, Hört sich spannend an!!!

    • Reply Buechernische 2. März 2013 at 22:31

      Na allzu lange musst du dann ja nicht mehr warten ;-)

  • Reply Neues & Neuentdecktes im Nischenregal – Die Büchernische 1. Oktober 2012 at 17:35

    […] darin zu versenken. Einzig John Greens »Das Schicksal ist ein mieser Verräter« und Jay Ashers »Tote Mädchen lügen nicht« verkleinerten für kurze Zeit den recht hohen Stapel. Ja ähm.. ich glaube mittlerweile türmen […]

  • Reply Anni 23. September 2012 at 13:35

    Wieder einmal eine tolle Rezi von dir!
    Also ich habe das Buch vor einiger Zeit an einem Tag verschlungen, weil ich es einfach nicht mehr weglegen wollte/konnte. Ich musste unbedingt wissen was passiert war und habe an diesem Tag dann auch nichts von dem geschafft, was ich mir vorgenommen hatte :/ hehe tja so ist das manchmal :D

    Liebe Grüße
    Anni

    • Reply Sandra 3. Mai 2014 at 20:34

      Liebe Anni,

      huch deinen Kommentar sehe ich erst jetzt. Mensch, ich Schnarchbacke :-)

      Das Buch ist absolut toll, nachdenklich machend und topaktuell, immer noch. Ich finde, man kann es gut als Schullektüre lesen.

      Liebe Lesegrüße
      Sandra – die erst 2 Jahre später mal eine Antwort schreibt *tzü*

  • Reply Maura 15. September 2012 at 14:16

    Sehr schöne Rezi :)

    Ich habe das Buch mir vor einiger Zeit Mal bei einer Freundin ausgeliehen, nachdem bei uns in der Klasse das jeder gelesen hatte und ich als DIE Leseratte natürlich dann unter Zugzwang stand. Ich fand es gut, aber mir hat es jetzt nicht ganz so gut wie dir gefallen ;)

    Liebe Grüße,
    Maura

    • Reply Buechernische 15. September 2012 at 15:07

      Hattet ihr das als Schullektüre? Oder haben das einfach viele gelesen, weil es damals ein aktuelles Buch war?

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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