Rezensionen

Sophie Jordan – Infernale {Buchrezension}

19. Februar 2016

Guten Abend liebe Nischenleser,

mein erster Artikel seit Monaten – ein tolles Gefühl. Als Einstieg begrüße ich euch heute Abend mit einer neuen Rezension zu einem frisch erschienen Jugendbuch.

Vor ein paar Tagen bekam ich überraschend Post vom Loewe Verlag, in welcher sich ein DNA-Test und der Hinweis auf eine Internetseite zum Buch verbarg – eine interessante, kreative Aktion des Verlags, um auf die neue Jugendbuchreihe von Autorin Sophie Jordan, die Lesern hierzulande bereits mit ihrer Firelight-Reihe ein Begriff sein dürfte, aufmerksam zu machen. Nur wenige Tage später hielt ich nicht minder überrascht das Jugendbuch in der Hand und begann neugierig zu lesen. Da die Rezensionsfrist nun abgelaufen ist, darf ich euch in meiner aktuellen Besprechung berichten, wie mir der Auftakt gefiel.

Genetische Schublade?

Sophie Jordan, Infernale, Loewe VerlagAls Davy in einem DNA-Test positiv auf das Mördergen Homicidal Tendency Syndrome (HTS) getestet wird, bricht ihre heile Welt zusammen. Sie muss die Schule wechseln, ihre Beziehung scheitert, ihre Freunde fürchten sich vor ihr und ihre Eltern meiden sie. Aber sie kann nicht glauben, dass sie imstande sein soll, einen Menschen zu töten. Doch Verrat und Verstoß zwingen Davy zum Äußersten. Wird sie das werden, für das alle Welt sie hält und vor dem sie sich am meisten fürchtet – eine Mörderin?“

Da ich mich mit dem Frühjahrsprogramm der Verlage dieses Jahr erst sehr spät beschäftigt habe, fiel mir das Cover von Infernale nicht auf den ersten Blick ins Auge. Das Profil einer jungen Frau, die offensichtlich ein frisch gestochenes Tattoo am Hals trägt, vor einem pastellfarbenen Hintergrund ist nun per se nichts Spektakuläres. Die Farbwahl gefällt mir ganz gut, wenngleich ich darin keinen Bezug zum Inhalt erkennen kann. Soweit zum Design des dystopischen Jugendbuches, das sich damit auch erheblich vom englischen, weitaus kontrastreicheren Originalcover unterscheidet, welches das DNA-Thema mit Helix-Haarsträhnen meiner Meinung deutlicher thematisiert.

Der erste Eindruck

Der Einstieg in mein erstes Buch von Sophie Jordan fiel leicht, wenn gleich der Plot zumindest auf den ersten 30 bis 40 Seiten recht vorhersehbar war. Der Klappentext hatte dies ja schon vorweg genommen, daher empfehle ich euch, auf das Lesen desselbigen vor der Lektüre zu verzichten. Auch die Lovestory ist leicht durchschaubar und hat mich ehrlich gesagt, vor allem auf den ersten Seiten, auf Grund ihrer Klischeehaftigkeit etwas genervt. Die Autorin hatte ja kein Geheimnis darum gemacht, eine Liebesgeschichte in ihrer neuen Buchreihe einflechten zu wollen. Dennoch hatte ich gehofft, dass sie nicht einfach nach Schema F gestaltet werden würde. Ich möchte betonen, dass dies allein mein Empfinden als erwachsener Leser ist, die Zielgruppe ab 14 Jahren empfindet das eventuell ganz anders.

Charakterzeichnung: 5 Punkte.

Aller Turtelei zum Trotz gefiel mir Protagonistin Davy sehr gut. Die 17jährige ist eine intelligente, junge Frau aus gutem Elternhaus, hat eine außergewöhnliche, musikalische Begabung – sie spielt bereits seit ihrem dritten Lebensjahr mehrere Instrumente – und steht kurz vor ihrem Schulabschluss. Davy schmiedet Pläne und blickt voll Zuversicht in eine vielversprechende Zukunft. Jordan hat eine authentische, junge Frau erschaffen, mit der ich mich trotz des offensichtlichen Altersunterschiedes recht gut identifizieren konnte. Sie wirkte streckenweise durchaus reif, wenn auch zeitweilig etwas blauäugig, handelte zielstrebig und konnte mit ihrer Liebe zur Musik bei mir natürlich punkten. Ich habe ebenfalls in sehr jungen Jahren mit dem Musizieren begonnen, damit hatte Davy bei mir gleich einen Stein im Brett.

infernale

Im Laufe der 376 Seiten umfassenden Story wurde Davys Geborgenheit und Wärme spendendes Nest aus Elternhaus und Freundeskreis systematisch zerlegt. Nein, eigentlich explodierte ihre heile Welt förmlich um sie herum, zersplittert in Tausend Scherben, bis nichts mehr davon übrig bleibt. Was vorher in weiter Ferne lag, ganz nach dem Motto „So etwas passiert doch nicht uns, so etwas sieht man nur im Fernsehen!„, wurde nun innerhalb eines Wimpernschlags bittere Realität. Freunde wurden zu Feinden, selbst Familienmitglieder distanzierten sich. Ich musste ein ums andere Mal wirklich schlucken, welche gnadenlosen Konsequenzen diese Form genetischer Disposition für Träger des als Mördergens bezeichneten Homicidal Tendency Syndrome hat. Man möchte meinen, dass das Umfeld zu einem hält, schließlich sollten diese Menschen einen doch kennen, schützend vor einen stellen, verteidigen. Doch selbst das blieb Davy verwehrt, was mich unsagbar wütend machte und zugleich hoffen ließ, dass die Protagonistin im Laufe der Story an Stärke gewann. Gerade zu Beginn machte sie einen sehr verwöhnten Eindruck auf mich, bewegte sich kaum aus ihrem behüteten Umfeld heraus. Der tiefe Fall in die kalte Realität war für den Teenager daher umso schmerzhafter.

Eine Markierung kann man nicht verleugnen. Genau wie schlechte DNA.
Das tintenschwarze Band von zweieinhalb Zentimetern. Das eingekreiste H. Es erinnert mich an die Brandzeichen von Rindern. Dunkel. Tief. Dauerhaft. Wenn man es einmal gesehen hat, sieht man nichts anderes mehr. Nicht den Menschen. Und das ist genau der Zweck.
Der Mensch zählt nicht.
Es zählt kein wer mehr. Nur noch was. – Seite 90

Herkunft, Beruf, Fähigkeiten, Charaktereigenschaften – all das spielte mit einem Mal absolut keine Rolle mehr. Sobald sich die Schublade HTS öffnete, verschwand man in deren Untiefen und hatte keine Chance mehr, diesem Teufelskreis zu entkommen. Es war ein Brandmal, im wahrsten Sinne des Wortes. Mal mehr, mal weniger sichtbar. Etwas, das dich zu einem gefährlichen Menschen degradierte, ganz gleich ob du wirklich zu Gewalt im Stande warst oder nicht. Das Erschreckende an der Plotidee Sophie Jordans sind die Parallelen zu unserer Realität, oder gar die Möglichkeit, dass dies Realität werden könnte. Man blicke doch nur mal auf die aktuellen Geschehnisse. Vorverurteilung, beispielsweise von Menschen arabischer Herkunft oder muslimischen Glaubens sind Gang und Gebe. Wohin solch eine Denkweise führen kann, sieht man ja am aktuellen Zeitgeschehen. Jordan thematisierte dies in »Infernale« auf erschütternde und altersgemäß gnadenlose Weise.

Schlussendlich war die Protagonistin auf sich gestellt und wuchs mit dieser unausweichlichen Herausforderung. Trotz ihrer verzweifelten Lage bewies sie Willensstärke und Rückgrat. Nicht hilfreich waren dabei allerdings ihre eigenen, latenten Vorurteile gegenüber HTS-Trägern. Dies empfinde ich allerdings sogar als positiven Aspekt. Davy ist zwar verwöhnt, aber ganz bestimmt keine perfekte Puppe. Hand aufs Herz: Wer kann von sich behaupten, völlig vorurteilsfrei zu sein? Glashaus, ihr wisst schon.

Klar strukturierter Schreibstil

Sophie Jordan schreibt lebendig, in klaren, schnörkellosen Sätzen. Sie versteht ihr Handwerk, den Leser tief ins Geschehen hineinzuziehen und eine Welt zu skizzieren, die erschreckend realistisch ist. Mehr als einmal dachte ich mir, wie grausam es wäre, würde unsere Zukunft von genetischer Disposition abhängen. Das wies durchaus Ähnlichkeit mit Ideologien zur Zeit des Zweiten Weltkriegs auf – etwas, das sich auf keinen Fall wiederholen darf.

Wenn du Hilfe brauchst, weil du in Schwierigkeiten steckst, und niemandem mehr anrufen kannst, dann bist du ganz unten angekommen. – Seite 136

Das Buch zog mich recht schnell in seinen Bann. Eine Stunde nach der nächsten verging, ohne dass ich eine Lesepause einlegte oder gar wahr nahm, was um mich herum geschah – ein sehr gutes Zeichen. Die Ich-Perspektive vereinfachte dabei den Aufbau einer Bindung zur Hauptfigur und ließ mich sehr zügig durch die Seiten gleiten. Schlussendlich klappte ich »Infernale« mit einem vorerst zufriedenstellenden, offenem Ende zu und warte neugierig auf den Folgeband, der noch im Sommer diesen Jahres auf den Markt kommen soll. Ich hoffe vor allem darauf, etwas mehr über HTS selbst zu erfahren und wünsche mir zugleich, dass sowohl Davy als auch meine knapp 7 Milliarden Mitmenschen begreifen, dass man ein Individuum nicht auf ein bestimmtes (genetisches) Merkmal, Hautfarbe oder Religionszugehörigkeit reduzieren kann.


Sophie Jordan | Infernale | Originaltitel: Uninvited | Reihe: Uninvited Band 1
Loewe Verlag | 15. Februar 2016 | ab 14 Jahren
Hardcover, 384 Seiten | 978-3-7855-8167-4 | 17,95€
zum Buch beim Verlag


Reihe:
#1 dt. Infernale | engl. Uninvited
#2 dt. ? | engl. Unleashed

Mein Fazit: Sophie Jordans Jugendbuch basiert auf einer sehr interessanten, realitätsnahen Idee und wusste mich auf seinen fast 400 Seiten gut zu unterhalten. Gerade das realistische gezeichnete Charakterbild der Protagonistin, deren heile Welt von heute auf morgen wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt, hat mir imponiert. Jordan ein erschreckendes Szenario geschaffen, das mich mehr als einmal zischend einatmen ließ. Wer sich für die Thematik Genetik interessiert, wird zumindest im ersten Band dieser Dystopie zunächst nicht auf seine Kosten kommen, da das Thema, zumindest im ersten Band, nur am Rande angeschnitten wird. Ich hoffe hier auf mehr Tiefe im Folgeband. Jungen Lesern, die kein Problem mit einer doch recht klischeehaften Lovestory haben und zugleich eine spannende, realitätsnahe, ziemlich düstere Zukunftsvision lesen möchten, kann ich den ersten Band uneingeschränkt ans Herz legen. Die Story macht Lust auf mehr, zum Glück muss man nur bis zum Juli warten, dann erscheint die Fortsetzung. 

Meine Bewertung:

4 Leseherzen

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