Rezensionen

Paula Hawkins – Girl on the Train {Buchrezension}

8. Juli 2015

Hey liebe Nischenbesucher,

eine schöne Wochenmitte wünsche ich euch. Wir starten in die zweite Juliwoche mit einer Rezension, meine letzte Besprechung ist ja schon eine ganze Weile her. Vor etwa zwei Wochen habe ich endlich das Buch beendet, welches mich seit dem Lesetag von Lovelybooks am 14. Juni beschäftigt hat: Paula Hawkins subtiles Psychospiel namens »Girl on the Train« aus dem Blanvalet Verlag. Ein Werk, unter dessen Cover sich eine Mischung aus spannendem Psychothrill und Drama verbirgt; ein Buch, das laut dem Cover dem Romangenre zugeordnet wird und doch so viel mehr zu bieten hat. Doch lest selbst.

Drama mit Verwirrspiel

Paula Hawkins Girl on the Train Blanvalet

Rachel setzt sich jeden Morgen in den 8:04 Zug. Routine, hinter der jedoch viel mehr steckt, als es zunächst den Anschein hat. Der Zug hält auf seiner Fahrt nach London an immer dergleichen Stelle auf der Strecke an. Zeit genug für Rachel, einen mehr oder weniger langen Blick aus dem Fenster zu werfen. Sie sieht die Häuser an der Bahnstrecke, betrachtet Gärten und beobachtet das Leben ihrer Bewohner. Ein Päärchen begegnet ihr dabei beinahe jeden Morgen. Rachel kennt ihre Namen nicht, doch die beiden scheinen ein perfektes Leben zu führen; ein Leben, nach dem sich Rachel nur allzusehr sehnt. Doch eines Tages geschieht etwas Außergewöhnliches, etwas Schockierendes. Kurze Zeit später liest Rachel in der Zeitung von einer verschwundenen jungen Frau und beschließt, ihre Beobachtungen mit der Polizei zu teilen…

Paula Hawkins Debüt wurde in den letzten Wochen in den höchsten Tönen gelobt. Von „Nr. 1 Bestseller aus England und den USA!“ bis „…einer der Top-Thriller des Jahres“ raste der Hype wie ein ungebremster TGV durch die Netzwelt. Keine Sorge, ich werde mich mit Zugmetaphern in dieser Rezension zurückhalten. Ob das Buch den hohen Erwartungen, die es im Vorfeld geschürt hat, gerecht werden kann?

Ist der Hype gerechtfertigt?

Gleich vorweg: In den meisten Fällen gehe ich solch überschwänglich beworbenen Büchern erst einmal aus Prinzip aus dem Weg. Zuletzt konnte ich dem fabelhaften Thriller »Die Falle« von Melanie Raabe nicht widerstehen, dessen Rechte bereits vor Erscheinen ins englischsprachige Ausland verkauft wurden und ebenso vielstimmig gelobt wurde – zurecht übrigens. Nachdem ich nun für eine ganze Weile nicht mehr zu Büchern aus dem Spannungsgenre gegriffen habe, war Paula Hawkins Debüt»Girl on the Train« schon das zweite Werk innerhalb kürzester Zeit, auf das ich durch den Lovelybooks Lesetag aufmerksam wurde. Ein Buch innerhalb eines Tages lesen? Das sollte machbar sein. Schlussendlich schaffte ich an besagtem Tag etwa die Hälfte des Debüts und beendete es schließlich in den darauffolgenden zwei Wochen. Die vergleichsweise lange Lesezeit war jedoch nicht etwa dem Buch selbst, sondern vielmehr meiner mangelnden Zeit in Kombination mit herrlich sonnigem Sommerwetter geschuldet.

Der erste Blick auf das Cover deutet die ständige Bewegung des Zuges an, die Bewegungsunschärfe im Textbild unterstützt diesen Eindruck. Das Titelbild ist schlicht, passt jedoch sehr gut zum Inhalt des Buches. Den Untertitel allerdings hätte man sich getrost sparen können, zumal er noch nicht einmal passt. Warum immer dieser Drang zur Untertitelung? Ich verstehe das nach wie vor nicht. Aber nun gut. Bereits auf dem Cover wird dem Buch sein Genre zugeordnet: Roman. Während im Socialmedia oft vom Psychothriller gesprochen wurde, würde ich Hawkings Werk eher als Psychokrimi oder –drama einordnen. Für einen Thriller ist das Erzähltempo einfach zu langsam, als Roman würde ich »Girl on the Train« wiederum aufgrund der zahlreichen Spannungselemente nun auch nicht unbedingt bezeichnen.

Die Autorin hat einen interessanten Schreibstil aus der Ich-Perspektive, der mich, wie ich ehrlich zugeben muss, doch sehr fasziniert und immer intensiver zwischen die Seiten gezogen hat. Hawkins weiß, wie man die stetige Neugier des Lesers auf das, was noch kommen mag, schüren muss. Das hat sie wirklich drauf, baut sie ihr verschachteltes Verwirrspiel nur sehr gemächlich auf. Erst nach einer rund 50-80 Seiten umfassenden Einführung und gleichzeitigen Demontage der Hauptfigur steigt die Spannungskurve zunehmend an und du hast als Leser das Gefühl, das Buch nicht mehr zur Seite legen zu können. Ich musste weiterlesen, Seite um Seite, neugierig und geradezu hungrig auf die zu erwartenden Geschehnisse. Egal wie müde die Augen sein mochten, der Fahrtwind des Buches zog mich wie ein Sog unbarmherzig mit sich. »Girl on the Train« ist ein packendes Verwirrspiel, voller subtiler Spannungsmomente, die mich immer tiefer in das Geflecht aus umnebeltem Alkoholzustand und klaren Momenten zog. Was ist nun Einbildung, was Realität? Was ist geschehen, wer hat seine Finger im Spiel? Mir fiel es doch recht schwer, das voneinander zu differenzieren – die Autorin hat also in diesem Punkt alles richtig gemacht.

»Wann bist du so schwach geworden?«
Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht, wohin die Sturheit verschwand, ich kann mich nicht daran erinnern, sie verloren zu haben. Vermutlich hat sie sich im Lauf der Zeit ganz einfach abgenutzt – am Leben selbst und an der Anstrengung, es zu leben. – Seite 134

Außergewöhnliche Hauptfigur

Ungewöhnlich ist auch die Protagonistin des Buches. Der Handlungsstrang baut auf Rachel auf, einer gebrochenen, dem Alkohol verfallenen und frisch geschiedenen Hauptfigur, die bei einer Freundin in der Wohnung untergekommen ist und sowohl sich selbst als auch ihrer Umwelt eine vermeintlich heile Welt vorgaukelt. Sie ist keine typische Heldin, charakterlich eher schwach, unberechenbar und zwischendurch schon beinahe etwas zu wehleidig. Rachel ist auf den insgesamt 448 Seiten vor allem damit beschäftigt, gegen sich selbst, ihre Gedächtnislücken und den ständigen Drang nach Hochprozentigem zu kämpfen. Manches Mal sorgte ihr Verhalten für Augenrollen meinerseits, hätte ich der Frau doch nur zu gerne mehrmals kräftig in den Hintern getreten. Ein Kritikpunkt, der den Lesespaß leider ebenfalls etwas dämpfte. Nichtsdestotrotz hat die Autorin wohl genau das bezweckt. Sie schuf mit Rachel einen realistisch wirkenden Charakter, deren Alkoholproblem überhaupt erst das entscheidende Element in diesem geschickt verknoteten Handlungsstrang darstellt. Die Erzählperspektive aus Sicht der Protagonistin im Wechsel mit zwei weiteren, für die Geschichte elementar wichtigen Figuren, sorgt dabei für kontinuierlich aufgebaute Spannung.

Die Hauptfigur versinkt zunächst erst einmal im wirbelnden Strudel blasser Erinnerungsfetzen, welche sie nicht zuordnen kann. Im Laufe der Geschichte wird Teilchen für Teilchen des Puzzles langsam zusammengesetzt, der eine oder andere verwirrende Richtungswechsel eingeschlagen, bis die Auflösung schließlich Licht ins Dunkel der Geschehnisse bringt – allerdings ein Finale, das mir angesichts der vorher so kunstvoll verstrickten Handlungsstränge etwas zu banal erschien und daher schlussendlich für eine gewisse Ernüchterung sorgte. Irgendwie hatte ich mehr erwartet.

 


Paula Hawkins | Girl on the Train · Du kennst sie nicht, aber sie kennt dich.
Christoph Göhler (Übersetzer) | Blanvalet | Juni 2015
Klappenbroschur, 448 Seiten | 978-3764505226 | 12,99€
zum Buch beim Verlag


 

· Mein Fazit ·

Ein durchaus spannendes Psychospielchen aus der Perspektive einer gebrochenen Hauptfigur, welche mich jedoch zeitweise leider so nervte, dass der Lesespaß ein wenig abhanden kam. Dennoch gelang es der Debütautorin, mich an ihr Werk zu fesseln, wenngleich man von der finalen Auflösung nicht zuviel erwarten sollte. Wer wie ich selten zu einem Thriller, aber zwischendurch gerne zu einem spannenden Roman oder Psychokrimi mit verschiedenen ineinander verzweigten Handlungssträngen greift, der ist mit »Girl on the Train« ganz gut beraten. Thrillerfans werden eher weniger auf ihre Kosten kommen. Wer sich dessen bewusst ist, wird mit diesem Buch einige unterhaltsame Lesestunden erleben können. Um die Frage von vorhin noch einmal aufzugreifen, ob »Girl on the Train« dem Hype gerecht wird: Nein. Alles in allem eine empfehlenswerte Lektüre für zwischendurch, der ich aufgrund der Kritikpunkte noch gute 3,5 Leseherzen vergebe, doch als Highlight möchte ich dieses Debüt nicht bezeichnen.

Meine Wertung:

3of5

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5 Comments

  • Reply Literatwo - Binea 14. Juli 2015 at 19:17

    Ohne ein Wort gelesen zu haben, aber bald, denn ich grüße von Seite 273…

    Bin sehr gespannt, wie es weiter geht und lasse es dich bald wissen, ob eher Daumen hoch oder runter…bisher – sehr hoch!

  • Reply Sandy 9. Juli 2015 at 14:23

    Habe es auch vor kurzem gelesen und sehe es ähnlich wie du. Ein Highlight ist es leider nicht. Obwohl gut geschrieben, konnte mich das Buch wegen der Charakterzeichnungen nicht so umhauen. Aber merken kann man sich die Autorin sicher. Schreiben kann sie definitiv.

    • Reply Sandra 11. Juli 2015 at 00:08

      Liebe Sandy,

      schade irgendwie, oder? Aber so geht es mir leider auch meistens mit den Hypes. Ich habe es versucht, es ist ja nicht wirklich schlecht. Aber eben auch kein Highlight. Ich bin gespannt, was Hawkins noch aus dem Hut zaubert ;)

      Liebe Wochenendgrüße
      Sandra ♥

  • Reply Marie 8. Juli 2015 at 22:06

    Huhu :)

    Eine schöne Rezension! Ich hab’s auch gerade erst gelesen :) Ehrlich gesagt hätte ich auch auf ein etwas anderes Ende gehofft… Naja, die Erzählperspektive fand ich jedenfalls super!

    Ganz liebe Grüße,
    Marie

    • Reply Sandra 11. Juli 2015 at 00:09

      Huhu liebe Marie,

      ich danke dir ♥ die Perspektive gefiel mir ebenfalls sehr gut, zumal es mal eben nicht die typische Heldin war. Das hatte was.

      Dir auch liebe Grüße! Schönes Wochenende ;)
      Sandra

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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