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Lesehighlight: Marcin Szczygielski – Flügel aus Papier {Kinderbuch-Rezension}

30. März 2016

Kindernische, März 2016

Hallo, liebe Nischenbesucher.

Vor über 70 Jahren atmete die Welt auf. Der Zweite Weltkrieg war beendet. Doch das Grauen, das in den Jahren bis 1945 geschah, bleibt unvergessen. Es gibt ein Wort für den schrecklichsten Völkermord in der Geschichte der Welt: Holocaust. Marcin Szczygielski, bekannter Autor und Journalist, hat sich insbesondere den Geschehnissen im Warschauer Ghetto gewidmet und die dortigen Ereignisse, vermischt mit fiktiven Elementen, in Form eines Kinderbuchs erneut zu Papier gebracht. Wie mir diese Geschichte gefallen hat, die im vergangenen Jahr bei Fischer Sauerländer erschien, möchte ich euch nun in meiner neuen »Kurz belichtet«-Besprechung schildern.

Kurz belichtet?

Rezensionen mit diesem Label sollen euch, wie der Name schon sagt, kürzer als gewohnt vermitteln, wie mir das Buch gefallen hat. Ich werde diese Art der Besprechung zukünftig öfter, v.a. für Fortsetzungen nutzen. Manchmal möchte ich einfach keine lange Besprechung schreiben und mich in weniger als meinen sonst verwendeten 1000 Worten über ein Buch äußern. In sechs Punkten werde ich euch also meinen Eindruck zum Coverdesign, Einstieg in die Geschichte, Charakterzeichnung, der Handlung selbst sowie den positiven wie negativen Aspekten des Buches schildern. Ich hoffe, dass euch diese übersichtlich aufgebaute, strukturiertere Form der Buchvorstellung gefallen wird.

Mein Eindruck zu »Flügel aus Papier«

Flügel aus Papier  Inhalt. Rafal lebt mit seinem Großvater im Warschauer Ghetto. Wir schreiben das Jahr 1942 und die Welt befindet sich mitten im Krieg. Rafal weiß gar nicht, was es bedeutet, keinen Hunger zu leiden, ohne Angst zu leben. Doch jedes Mal, wenn er ein Buch zur Hand nimmt, breitet sich ein Gefühl von Geborgenheit, Frieden und Hoffnung in ihm aus. Als die Deutschen beginnen, das Ghetto zu räumen, unternimmt sein Großvater alles, um seinen Enkel in Sicherheit zu bringen. Im Warschauer Zoo findet Rafal schließlich Unterschlupf und knüpft Kontakt zu anderen jüdischen Jugendlichen, die ebenfalls vor dem Naziregime geflüchtet sind. Ein Plan reift in den jungen Menschen, doch sie schweben in großer Gefahr…

Das Coverdesign. Schon der erste Blick aufs Cover lässt erahnen, das wir es hier mit einer berührenden, aber mit Sicherheit auch bedrückenden Geschichte zu tun haben. Warme, erdige Brauntöne. Aquarellstil. Ein kleiner Junge, der sich an sein Buch klammert und im Hintergrund Zäune mit Stacheldraht, Menschenmassen, Häusersilhouetten. Das Cover passt hervorragend zum Inhalt des Buches.

Der Einstieg. Wir befinden uns in Polen, 1942. Die Nazis haben in Warschau ein Ghetto errichtet und dort alle Menschen jüdischer Herkunft eingepfercht. Auch der Protagonist dieses Buches lebt gemeinsam mit seinem Großvater in einer kleinen Wohnung, die sie sich mit zahlreichen anderen Familien teilen. Gemeinsam mit Rafal erkunden wir seinen Weg durch den Bezirk Richtung Bibliothek, seinem absoluten Lieblingsort und lernen seine vertraute Umgebung ein wenig kennen.

Die Charakterzeichnung. Michael Szczygielski nimmt uns direkt mitten in das Leben des kleinen Rafal mit, einem intelligenten, größtenteils absolut ahnungslos wirkenden Jungen, der mitten im Warschauer Ghetto aufwächst. Oft dachte ich mir im Stillen, dass seine Unschuld und seine Unwissenheit ein Segen für ihn sind. Oft genug jedoch bewies Rafal, dass er vieles sehr wohl verstand. Wer das Buch liest, wird bemerken, dass sich vieles zwischen den Zeilen selbst erklärt oder zumindest andeutet. Rafal liebt Bücher. Hätte er noch Sympathiepunkte bei mir sammeln müssen, was nicht der Fall war – ich hatte ihn von Anfang an ins Herz geschlossen -, dann hätte er sie spätestens damit bekommen. Ich hätte diesen Jungen am liebsten fortwährend umarmt.

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Die Handlung. Wer die Worte ‚Warschauer Ghetto‘ liest, der weiß – zumindest als Erwachsener – sofort, worum es hier geht. Der Autor vermischt historische Begebenheiten mit fiktiven Elementen und schildert all das aus der Sicht eines kleinen Jungen, der – vielleicht zu seinem eigenen Glück – nicht alles mitbekommt, was um ihn herum geschieht. Mir liefen des öfteren Tränen über die Wange. Dieses Buch berührt. Im Prinzip schildert er Rafals Flucht als eine Art großes kindliches Abenteuer, das ihn zunächst in einen Zoo und schließlich weit außerhalb der mit Stacheldraht bewehrten Mauern des Ghettos führt.

 Sprache. Szczygielski ist ein bekannter Journalist und Autor, der weiß, wie man den Leser an die Hand nimmt und sanft, aber stetig mit sich zieht. Seine Schreibe ist klar, einfühlsam, kindgerecht und gefühlvoll. Ich möchte dieses Buch jedoch nicht nur Kindern ans Herz legen, sondern auch jeden Erwachsenen dazu ermuntern, die Geschichte zu lesen und selbst zu fühlen.

Positiv. Ich finde bei bestem Willen keine negativen Aspekte an diesem Buch, absolut gar keine. Das war Buchliebe von der ersten bis zur letzten Seite.

Negativ. Nichts. Einziger Wermutstropfen: Meine Reise gemeinsam mit Rafal war zu schnell vorbei, daher werde ich auf jeden Fall noch einmal lesen, auch gemeinsam mit den Kindern, um behutsam an das Thema heranzuführen. Und nicht nur das: Dieses Buch ist mit all seinen nachdenklich machenden Textstellen, die ich reihenweise rot markieren möchte, bedauerlicherweise aktueller am Tagesgeschehen als zunächst gedacht. Beispiel gefällig? Hier:

Es soll einmal gar nicht so wichtig gewesen sein, wo jemand herkam, sondern es zählte nur, was er für ein Mensch war. Jeder wohnte, wo es ihm gefiel, ganz egal, wie er heiß, woran er glaubte oder welche Farbe seine haut, seine Haare oder seine Augen hatten. Wieso kann ich mich nicht mehr daran erinnern? – Seite 27


Martin Szczygielski | Flügel aus Papier
Fischer Sauerländer | ab 10 Jahren
Hardcover, 288 Seiten | 978-3-7373-5212-3 | 13,99€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Erinnern mit einem Kinderbuch – so lässt sich dieses Leseerlebnis am ehesten beschreiben. »Flügel aus Papier« hat mich auch noch Wochen nach dem Zuklappen sehr beschäftigt und gleichzeitig ermahnt, wie wichtig eben genau das ist: Sich erinnern, nicht vergessen. Diese Zeit gehört zu unserer Vergangenheit, doch für eine bessere Zukunft muss dafür gesorgt werden, dass so etwas niemals wieder geschieht. Wir, die heutige Generation, tragen keine Schuld. Doch wir würden uns schuldig daran machen, wenn wir diese unsere Vergangenheit verdrängen. Marcin Szczygielski beabsichtigte kein weiteres bedrückendes, schwer zu verkraftendes Lehrbuch zu schreiben, sondern erschuf eine Geschichte für Kinder, die nachhallt und bewegt, aber auch – im angemessenen Rahmen – unterhält. Denn ja, das darf Literatur. Der Titel ist zudem eine großartige Metapher: Bücher schenken Hoffnung, sie geben dir Flügel aus Papier. Leseempfehlung von Herzen und ein Muss für Groß & Klein. Marcin Szczygielski neues Kinderbuch »Hinter der blauen Tür« steht schon rot angestrichen auf der Wunschliste.

Meine WertungLesemonster 5 Punkte

Prädikat ‚Besonderes Buch‘ | Kategorie KinderbuchPrädikat Buechernische Lesehighlight

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4 Comments

  • Reply Mina 3. Mai 2016 at 13:43

    Liebe Sandra,
    dieses tolle Buch habe ich auch noch in meinem HuB. :) Ich bin wirklich gespannt, wie es mir gefallen wird.
    Es gerade noch einmal hier entdeckt zu haben, ermutigt mich, es bald in die Hand zu nehmen und endlich zu lesen.
    Grüße!
    Mina

  • Reply Damaris 30. März 2016 at 21:34

    Liebe Sandra <3
    Ich habe "Flügel aus Papier" um den ET gelesen … und mir ging es genau wie dir. Das Buch ist wunderbar! Die Sprache, das Gefühl – alles! Ich bin bei jedem Buch mit einem der Dritten Reich-Themen auf Neue entsetzt, wie so etwas passieren konnte. Etwas Gewöhnungsbedürftig fand ich diese Zeitreise-Sache. Aber die Auflösung, die Sicht des Autors auf alles – einfach perfekt.
    Grüße dich ganz lieb,
    Damaris

    • Reply Sandra 31. März 2016 at 12:15

      Liebe Damaris,

      ja, das ist es wirklich. Ehrlich gesagt wird mir manchmal Angst und Bange, wenn ich sehe, wie sich die Gesellschaft heutzutage verändert hat. Das erinnert leider zu oft an Geschehnisse, die eigentlich niemals wieder vorkommen sollten. Vielleicht sollten sich Menschen, die gegen Flüchtlinge hetzen, mal unserer Historie wieder bewusst werden und sehen, wohin das führen kann. Die Zeitreisesache wollte ich hier nicht weiter erwähnen, aber du hast recht. Das war etwas komisch.

      Liebe Grüße zurück ♥
      Sandra

      • Reply Damaris 31. März 2016 at 12:39

        Habe die „Zeitsache“ in meiner Rezi auch komplett außen vor gelassen, aber so im Austausch ist das schon okay :-) Freu mich schon, wenn meine Kinder das Buch lesen können.
        LG,
        Damaris

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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