Rezensionen

{Klassiker} Das Tagebuch der Anne Frank {Buchrezension}

29. Juli 2012

Sonntag, 12. Juni 1942 Ich werde, hoffe ich, dir alles anvertrauen können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein. – Seite 11

Das sind die ersten Worte Anne Franks, welche sie in ihr Tagebuch notiert. Ein Tagebuch, das zu den wohl wichtigsten Zeitzeugendokumenten des zweiten Weltkriegs und den damit verbundenen Verbrechen des Nationalsozialismus gehört. Dieses Buch ist Symbol für die Verfolgungsjagd auf das Judentum aus der Sicht eines jungen jüdischen Mädchens, mit all seinen Ängsten, tagtäglichen Sorgen & Nöten, persönlichen Gefühlen & Erlebnissen auf engstem Raum.

Ein berührendes Zeitzeugendokument

Das Tagebuch der Anne FrankAnne Frank ist 13 Jahre alt, als sie sich mit ihrer Familie und Freunden auf engstem Raum über zwei Jahre von der Außenwelt fast vollständig abgeschottet verstecken musste, um den Nazischergen nicht in die Hände zu fallen und dem damit verbundenen sicheren Tod in einem Konzentrationslager zu entgehen. Anne führt in der Zeit im Versteck ein Tagebuch, welches sie zum Geburtstag geschenkt bekam und teilt darin alles mit, was sie bewegt, zum Lachen und Weinen bringt. Einige Einträge brachten mich zum Schmunzeln, denn wie jedes junges Mädchen hat auch Anne ganz eigene weibliche Sorgen. Doch bei allem überwiegt die Angst, entdeckt zu werden…

Anne Frank. Dieser Name dürfte wohl jedem Menschen, der auf dieser Erde wandelt, schon einmal begegnet sein – und sei es nur als Schullektüre. Es zählt zu den bekanntesten Büchern aus dem Bereich Kinder- und Jugendliteratur gegen das Vergessen und findet sich mit Titeln wie »Als Hitler das rosa Kaninchen stahl«, »Damals war es Friedrich«, »Die Bücherdiebin« oder »Der Junge im gestreiften Pyjama« in einem gemeinsamen Bücherregal. Zum zuletzt genannten Buch möchte ich euch übrigens auch den Film empfehlen, der mir wahnsinnig zu Herzen ging.

Vater Otto Frank war der einzige Überlebende der Familie, sowohl seine Töchter Margot und Anne als auch seine Frau starben in den Konzentrationslagern der Nazis. Nach seiner Befreiung aus dem KZ wanderte Annes Vater in die Niederlande aus und ließ die Tagebücher seiner Tochter veröffentlichen. In ihrer Zeit im Hinterhaus hat Anne stets davon gesprochen, dass sich „wohl niemand jemals für die Ergüsse eines 13jährigen Schulmädchens interessieren wird„. Heute, über 70 Jahre nach Kriegsende halten wir persönliche Gedanken und Erlebnisse des jungen Mädchens, ihrer Familie und Mitbewohner in Händen und erinnern uns. Denn das ist es, was unsere Generation tun sollte, tun muss. Erinnern, niemals vergessen.

„Kannst du mir vielleicht erzählen, wie es kommt, dass alle Menschen ihr Inneres so ängstlich verbergen? Wie kommt es, dass ich mich in Gesellschaft immer ganz anders verhalte, als ich mich verhalten sollte? Warum vertraut der eine dem anderen so wenig? Ich weiß, es wird einen Grund dafür geben, aber manchmal finde ich es sehr schlimm, dass man nirgends, selbst bei den Menschen, die einem am nächsten stehen, ein wenig Vertraulichkeit findet. – Seite 170 | 22. Januar 1944

Eine Rezension zu solch einem persönlichen Schriftstück zu schreiben ist nicht einfach. Wer bin ich, über Schreibstil oder Ausdrucksweise eines jungen Mädchens zu richten, das seine intimsten und persönlichsten Gedanken mit mir teilt? Es hat mich tief und nachhaltig berührt, welches Schicksal Anne ertragen musste. Sie konnte plötzlich nicht mehr wie andere Kinder ihres Alters in der Sonne spazieren oder die Schule besuchen. Einkaufen, Eis essen gehen – all diese Aspekte eines Lebens in Freiheit waren in weite Ferne gerückt. Kaum vorstellbar, welche Ängste sie in den winzigen Kammern hinter dem Bücherregal ausstehen musste. Die Fensterscheiben sind mit dunklen Stoffen verhangen, der Blick nach draußen stetig verwehrt. Die Eingangstür zum Versteck liegt hinter einem Bücherregal verborgen. Niemand, absolut niemand darf erfahren, dass die Familie sich hier aufhält. Man muss sich das einmal vorstellen. Den ganzen Tag über herrschte unten im Geschäft reges Treiben. Kein Laut durfte aus dem oberen Stockwerk nach außen gelangen. Kein Stiefelscharren, kein Lachen, nichts. Stille. Eine nervenaufreibende Stille, die Anne mit Schreiben zu füllen versucht. zwar sind es die Gedanken eines 13jährigen „Schulmädchens“, doch Anne ist schon sehr reif für ihr Alter. Sie ist jung, intelligent, forsch und trägt das Herz am rechten Fleck.

annefranktagebuch

Vor der Tür, fern ihres Einflussbereichs, herrscht Krieg und Chaos. Jüdische Mitbürger werden verschleppt, ihre Geschäfte geschlossen und sie selbst müssen einen stets sichtbaren gelben Stern am Revers tragen. Als sich die Situation zuspitzt und seine Tochter Margot zum Arbeitsdienst nach Deutschland gebracht werden soll, beschließt der Familienvater, seine Familie in Sicherheit zu bringen. In einem Hinterhaus in der Prinsengracht 263, oberhalb von Otto Franks Geschäft finden sie Unterschlupf und verbringen bange Monate voller Angst, entdeckt zu werden. Draußen tobt der Krieg, während hinter dem Bücherregal jedem ein furchtbarer Schreck in die Glieder fährt, sobald das geringste Geräusch ertönt.

„Für jeden, der Angst hat, einsam oder unglücklich ist, ist es bestimmt das beste Mittel, hinauszugehen, irgendwohin, wo er ganz allein ist, allein mit dem Himmel, der Natur und Gott. Dann erst, nur dann, fühlt man, dass alles so ist, wie es sein soll, und dass Gott die Menschen in der einfachen und schönen Natur glücklich sehen will. Solange es das noch gibt, und das wird es wohl immer, weiß ich, dass es unter allen Umständen auch einen Trost für jeden Kummer gibt. Und ich glaube fest, dass die Natur viel Schlimmes vertreiben kann.“ – Seite 193 | 23. Februar 1944

Obgleich man weiß, welches Schicksal Anne erleidet, ist die Lektüre jeder Seite wie ein Hoffnungsschimmer inmitten all der Grausamkeit dieser Zeit. Die Familie arrangiert sich, so gut sie eben kann, mit der ausweglosen Situation. »Anne Franks Tagebuch« ist nicht einfach nur ein Buch. Es ist ein Symbol, ein ewig fortdauernder Zeitzeuge der grauenhaften Verfolgungsjagd des Holocaust. Es sind die Gedanken eines jungen Mädchen, das am eigenen Leib erlebt hat, wie einschneidend Ein Dokument, das diese Zeit aus einer sehr emotionalen Perspektive, eben der eines jungen Mädchens, zu schildern vermag. Wer Annes Tagebuch noch nicht kennt, dem sei dringend und von Herzen angeraten, diese Wissenslücke schnell zu schließen. Ich empfehle es ab einem Alter von etwa 10 bis 12 Jahren; zudem sollten Eltern diese Lektüre mit ihrem Hintergrundwissen begleiten.

Einmal wird dieser schreckliche Krieg doch vorbeigehen, einmal werden wir doch wieder Menschen und nicht nur Juden sein! – Seite 248 | 11. April 1944

Im März 2016 wird eine Neuverfilmung über Anne Franks Flucht ins Hinterhaus der Prinsengracht 263 in die Kinos kommen, auf die ich sehr gespannt bin.


Otto H. Frank & Mirjam Pressler | Anne Frank Tagebuch
Fischer Taschenbuch Verlag | Oktober 2011 | Gegenwartsliteratur
Taschenbuch, 320 Seiten | 978-3-596-15277-3 | 7,99€
zum Buch beim Verlag


Meine Wertung:
5of5

… ein Buch, das jeder gelesen haben muss!

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7 Comments

  • Reply Beatrix Petrikowski 31. August 2015 at 20:30

    Das Buch haben wir damals, vor über 40 Jahren, in der Schule gelesen und es hat mich sehr beeindruckt. Wenn dieses Mädchen gewusst hätte, dass die halbe Welt sein Schicksal kennt…

    • Reply Sandra 12. Februar 2016 at 18:49

      Liebe Beatrix,

      wie recht du hast. Sie selbst sprach ja noch davon, dass wohl niemand sich jemals für die seelischen Ergüsse interessieren würde. Nun kennt die ganze Welt ihre Gedanken, ihre Sehnsüchte und Ängste. Ein sehr tapferes Mädchen. Möge sie niemals vergessen werden. ♥

      Liebe Grüße
      Sandra

  • Reply Anika 3. September 2013 at 21:11

    Ich habe das Buch erst vor kurzem gelesen und es hat mir noch einmal deutlich gemacht, wie schrecklich diese Zeit war. Die Zahl 6 Mio. Juden war für mich vorher nur eine Zahl, aber dieses Buch verdeutlicht, dass jeder der 6 Mio. oder sogar mehr Juden ein eigenes Leben, eine eigene Geschichte und eine Familie hatte. Das Ausmaß geht gar nicht mehr in meinen Kopf.
    Wenn man das Buch gelesen hat, dann wird man einmal mehr daran erinnert, dass so etwas nie wieder passieren darf.

    • Reply Sandra 3. September 2013 at 21:21

      Liebe Anika,

      wie recht du hast. Ich finde, dieses Buch sollte wirklich jeder gelesen haben. Ich möchte auch noch gerne das Haus in Amsterdam besuchen. Allgemein lese ich sehr viel über den zweiten Weltkrieg und das Schicksal der Juden, auch aktuelle Bücher jüdischer Autoren und Autorinnen, die sich mit viel Humor und Witz mit den üblichen Klischees beschäftigen, oder auch sehr ernste Lebensgeschichten zu Papier bringen. Im Moment bin ich gespannt auf „Die radioaktive Marmelade meiner Großmutter“ :-)

      Liebe Grüße
      Sandra

    • Reply Anika 4. September 2013 at 15:12

      Sollte ich je in meinem Leben nach Amsterdam kommen, steht das Anne Frank Haus auf jeden Fall auf meiner Sightseeingliste. Über den zweiten Weltkrieg habe ich noch nicht ganz so viele Bücher gelesen, vielleicht so 4-5, aber besonders gut hat mir auch „Die Zuflucht“ von Corrie ten Boom gefallen.

  • Reply Antje 30. September 2012 at 12:40

    Das Tagebuch der Anne Frank ist eines der Bücher, die mich in meinem bisherigen Leben mit am meisten geprägt und berührt hat. Zuerst gelesen in der Schule hat mich ihr Schicksal und das der vielen anderen Leidenden nie losgelassen. Mittlerweile habe ich es bestimmt schon 3 mal gelesen – einfach weil ihr Tagebuch so viel veranschaulicht, einen eintauchen lässt in eine Zeit, die niemals mehr auf dieser Welt wiederkommen darf. Und neben diesen schweren politischen Geschehnissen ist sie doch einfach nur ein junges Mädchen, das erwachsen wird.
    Es ist eines meiner absoluten Lieblingsbücher.

    • Reply Buechernische 1. Oktober 2012 at 11:07

      Huhu liebe Antje,

      mir geht es ganz genauso, es ist ebenfalls eines meiner Lieblingsbücher! Es ist – ähnlich wie „Zwei lange Unterhosen der Marke Hering“ ein ganz besonderes, persönliches Buch, das man unbedingt gelesen haben muss..

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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