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Buchtipp|Mai 2015: Libba Bray – The Diviners: Aller Anfang ist böse {Buchrezension}

13. Mai 2015

Hallo ihr Lieben,

mit einem leisen Klappgeräusch habe ich gestern ein Buch beendet, das mich über 700 Seiten lang durch seine spannende, schillernde Kulisse geführt hat. Der Abschied von einer Geschichte und seinen Charakteren fällt immer schwer, doch in diesem Fall ganz besonders. Libba Bray hat mich mit dem Auftakt einer neuen Tetralogie nicht nur eine Woche lang begleitet, sondern über insgesamt fast zwei Monate. 704 Seiten, bis zum letzten Wort des Nachworts, habe ich mit einer Unterbrechung von knapp drei Wochen gelesen und die umfangreiche, intensive Geschichte zwischen den Buchdeckeln verarbeitet. »The Diviners: Aller Anfang ist böse«, das im Herbst letzten Jahres im dtv Verlag erschien, wusste mich sehr gut zu unterhalten.

Aller Anfang ist böse.

The Diviners: Aller Anfang ist böse von Libba Bray, dtvNew York 1926: Nachdem Evie in ihrer Heimatstadt Zenith | Ohio durch ihr, gelinde gesagt, ungewöhnliches Verhalten auf einer Party negativ auffiel, schicken ihre Eltern die rebellische junge Dame nach New York. Sie soll bei ihrem Onkel Will wohnen, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Evie ist froh, ihrer langweiligen Kleinstadt entfliehen zu können und kann es kaum erwarten, ihre Flügel in der schillernden Stadt auszubreiten. Ihr Onkel kümmert sich indes um sein Museum für Amerikanisches Volkstum, Aberglaube und Okkultes, als die beiden plötzlich in eine geheimnisvolle Mordserie verwickelt werden. Sie beginnen auf eigene Faust zu ermitteln und wissen dank Evies Gabe, Gegenständen Geheimnisse über ihre Besitzer entlocken zu können, bald mehr als die Polizei. Allerdings ist Evie das wahre Ausmaß der abscheulichen Machenschaften hinter den Morden noch gar nicht bewusst…

Herbst 2014: Meine erste Begegnung mit den Diviners.

Ich nehme euch jetzt auf eine kleine Zeitreise zurück in den Herbst letzten Jahres mit. Bereits einige Wochen vor Erscheinen hatte ich die Verlagsvorschauen durchstöbert und war auf das Buch aufmerksam geworden. Das Coverdesign stach mir sofort ins Auge. Die düstere, rauchige Farbgebung in Kombination mit der Fotografie eines verführerischen Flapper und dem elegant wirkenden Schriftdesign begeisterte mich sofort und so wollte ich unbedingt hinter die Kulissen des Buchdeckels blicken. Als der dtv Verlag eine Aktion startete und eine XXL-Leseprobe von »The Diviners: Aller Anfang ist böse« veröffentlichte, war es endgültig um mich geschehen. Ich war Feuer und Flamme und wollte unbedingt wissen, wie die Geschichte nach der 65seitigen Genussprobe weiterging. Nur kurze Zeit danach erhielt ich den ersten Band von Libba Brays neuer Tetralogie als Leseexemplar in den Händen, ein großes Dankeschön an dieser Stelle an den Verlag. Nach meiner längeren Blogpause war dieses Buch eines der ersten, das ich wieder in die Hand nahm und zu lesen begann. Zwischendurch legte ich noch einmal eine längere Lesepause ein und fand danach sofort wieder in die Geschichte zurück – ein besseres Kompliment für einen spannenden Plot kann es wohl kaum geben.

Libba Bray – der Name sagte mir bisher noch nichts, obwohl sie im dtv Verlag bereits erfolgreich ihre Trilogie »Der geheime Zirkel« veröffentlicht hat. Meine Erwartungen an Setting und Charaktere waren nach der Leseprobe doch recht groß. Ich war wahnsinnig gespannt, ob Libba Bray meine Erwartungen erfüllen konnte. Nachdem ich das Buch gestern beendet habe, kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass sie erfolgreich war – mit einigen wenigen Abstrichen.

Libba Bray entführt in die Goldenen 20er

Die Story nahm zunächst gemächlich Fahrt auf. Wir befinden uns auf einer Party in Manhattan, ein Ouijabrett spielt dort ebenso eine Rolle wie diese schaurige gepfiffene Melodie, die der Wind durch die Nacht trägt…

„Naughty John, Naughty John, does his work with his apron on. Cuts your throat and takes your bones, sells ‚em off for a coupla stones.“

Schon im nächsten Moment zog mich die Handlung mitten ins atmosphärische New York der 20er Jahre, in die Zeit der Prohibition, als Alkohol heimlich in versteckten Flüsterkneipen genossen wurde, während sich selbstbewusste Flapper mit frechen Kurzhaarfrisuren, schillernden Partykleidern und einer Zigarette zwischen den manikürten Fingern zu rhythmischen Jazzklängen über das Parkett bewegten. Ich glaubte beinahe, die Musik hören und den rauchgeschwängerten Dunst der Kneipe einatmen zu können, so farbenfroh schrieb sich Libba Bray direkt in meine Sinne. Es ist unglaublich, wie intensiv die Autorin die Stimmung der goldenen 20er Jahre zu transportieren vermochte, als ob man selbst in die Zeit zurückversetzt wird. Beeindruckend, wie sie es dann wirklich über 700 Seiten lang schaffte, diese mystische, gruselige und äußerst spannende Atmosphäre aufrecht zu erhalten und – das darf man nicht vergessen – beabsichtigt, diese Stimmung in noch drei weitere Bücher mitzunehmen. Ob das funktioniert, wird man spätestens am 20. November 2015 erfahren, wenn der zweite Band namens »The Diviners: Die dunklen Schatten der Träume« erscheint.

„Onkel Will zog ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und reinigte seine Brillengläser. »Es gibt mehr Ding‘ in Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt, Horatio«, sagte er […]. »Dieses Zitat stammt von William Shakespeare, dem nicht nur das Menschliche, sondern auch das Übernatürliche nicht ganz unvertraut gewesen zu sein scheint.“ – Seite 62

The Diviners: Die dunklen Schatten der Träume von Libba Bray, dtv VerlagDer Spannungsbogen trat schließlich mit steigendem Druck auf das erzählerische Gaspedal und schockierte mit einer Reihe grausamer Morde, welche nach und nach Hinweise auf die grausamen Beweggründe lieferten. Da die Perspektive zwischendurch zum wahrlich gruseligen Widersacher wechselt, konnte ich bereits vor der Protagonistin 1+1 zusammen zählen, ließ mich aber dennoch von der Raffinesse der Autorin ein ums andere Mal in die Irre führen. Von Kapitel zu Kapitel wird der Spannungsfaden straffer gespannt, die Atmosphäre wird zunehmend düsterer, unheimlicher, bedrohlicher und gipfelt schließlich in einer den ersten Band befriedigend abschließenden Auflösung. Ihr müsst also keine Sorge vor heftigen Cliffhangern haben. Das Ende knüpft allerdings bereits einen weiteren Handlungsfaden an, der mit Sicherheit in Band 2 weitergesponnen wird.

Sehr gut recherchiert.

Die in New York lebende Autorin, die schon als Kind eine Vorliebe für gruselige Geschichten hegte, hatte mich mit ihrer Idee, ihrer ausschmückenden Schreibe und der absolut faszinierenden räumlichen wie zeitlichen Kulisse ganz schnell am Haken. Sie hat ein Faible dafür, Orte und Stimmung sehr ausschweifend zu umschreiben und nimmt sich dafür auch gern seitenweise Zeit. Dieser Aspekt im Zusammenspiel mit dem Umfang dieses Wälzers mag zunächst abschreckend wirken, doch sorgt gerade diese Kombination für die einzigartige mystisch angehauchte Atmosphäre, die mich unaufhörlich zwischen die Seiten zog und für reichlich Gänsehaut sorgte. Libba Bray hat mich mit ihrer lockeren, humorvollen Art schon positiv überrascht, als ich ihre Kurzclips zum Buch gesehen habe. Es lohnt sich, diese anzusehen, denn sie führt uns durch New York und zeigt uns einige Orte in der Metropole, welche sie zu Schauplätzen im Buch inspiriert haben.

Sie hat sehr ausführlich recherchiert, was sie auch in ihrem Nachwort bekräftigt. Sie lässt dabei die Grenze zwischen realen und fiktiven Schauplätzen verschmelzen und würzt ihre Geschichte mit einer ordentlichen Prise Paranormalität. Stellenweise fühlte ich mich von der Informationsdichte beinahe ein wenig erschlagen, zumal die Erzählperspektive sogar innerhalb eines Kapitels plötzlich zu anderen Charakteren wechselte. Es dauerte ein Weilchen, bis ich die wichtigsten Namen im Kopf hatte und sie einzuordnen wusste. Während manche Figuren als schmückendes Beiwerk zu dienen schienen, hatte ich bei anderen das Gefühl, dass ihre Geschichte mit diesem Buch noch nicht abgeschlossen ist. Vielleicht möchte Libba Bray diesen Personen in den Folgebänden noch tiefere Bedeutung verleihen, das würde diese Appetithäppchen zumindest erklären.

Nichts desto trotz war die Einbindung dieser zahlreichen Nebencharaktere sehr abwechslungsreich und unterhaltsam, denn ein jeder trug seine ganz eigenen Geheimnisse mit sich herum oder kämpfte mit sozialen Umständen und Abhängigkeiten. Dennoch rückten die meisten angesichts des Glamours der Protagonistin verblassend in den Hintergrund. Ich wünsche mir für mindestens eine Figur eine herausragende Rolle in den kommenden Büchern – mal abwarten, ob mein Wunsch erfüllt wird.

The Diviners

Im Kontrast zu diesem umfangreichen Nebenfigurenpool steht eine junge willensstarke, intelligente und rebellische Protagonistin namens Evie, die aus dem Schatten ihrer Rolle als Tochter einer gesellschaftlich angesehenen Familie heraus brechen und ihren eigenen Weg gehen, und vor allem ihre Fähigkeiten nicht verstecken möchte. Sie möchte nicht die brave Tochter sein, die bestenfalls noch gut einheiraten wird, sondern hat ihren ganz eigenen (Dick)kopf, den sie auch recht ungestüm durchzusetzen weiß. Die junge Dame trug ihr Herz auf der Zunge, auch wenn sie damit desöfteren aneckte. Es war interessant, ihre Entwicklung zu einer mutigen jungen Frau zu verfolgen, auch wenn sie zeitweise doch recht egoistisch wirkte. Dennoch lernt sie ihre Fähigkeit (und oft genug auch ihre weiblichen Vorzüge) im richtigen Moment (charmant) einzusetzen und in kritischen Situationen einen klaren Kopf zu bewahren, was angesichts ihres gefährlichen Gegenspielers nicht immer einfach, doch dringend notwendig war. Eine sehr gelungene, authentisch dargestellte Figur!

„»Oh la la«, sagte Blind Bill. Er klopfte sich auf die Brust. »Is das nicht der Lauf der Welt heutzutage? Glück wird zu Unglück, Unglück zu Glück. Is doch alles nur ein einziges großes Würfelspiel zwischen dieser und der nächsten Welt, und wir, wir sind die Würfeln, die dabei hin und her geworfen werden.“ – Seite 296

Wo wir gerade beim Thema Bösartigkeit sind: Die goldenen Zwanziger Jahre standen nicht nur für Flapper in schillernden Gewändern, „gesunden“ Zigaretten oder Emanzipation. Hinter den Kulissen feiner Häuser verbarg sich das Böse zum Beispiel auch in Gestalt rassistischen Gedankenguts. 1921 fand in New York beispielsweise der zweite Eugenik-Kongress statt, eine Bewegung, die Fortpflanzung „defekter Rassen“ verhindern wollte. Libba Bray hat tief in den Archiven gegraben, denn das Thema findet sich auch im Buch wieder; eine Stelle, die mich zutiefst schockiert hat. Der Begriff Eugenik stammt aus dem Griechischen bedeutet nichts anderes als „gutes Gen“. Ich muss wohl nicht weiter ausführen, wohin diese vermeintliche „Lehre“ Mitte des vergangenen Jahrhunderts geführt hat.


Libba Bray | The Diviners: Aller Anfang ist böse | Band 1
dtv Verlag | Original: The Diviners | 1. Oktober 2014
Hardcover, 704 Seiten |  ab 14 Jahren | 978-3423760966 | 19,95€
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Informationen zur Reihe:
→ Band #1 The Diviners: Aller Anfang ist böse
→ Band #2 The Diviners: Die dunklen Schatten der Träume
→ Band #3 ?
→ Band #4 ?

Mein Fazit: Libba Bray hat mit »The Diviners: Aller Anfang ist Böse« den soliden Grundstein für eine unglaublich atmosphärische Reihe gelegt, der mich mitten ins schillernde New York der goldenen Zwanziger Jahre entführte und auf seinen 700 Seiten ein immer dichter werdendes Netz aus intensiver Spannung, fantastischem Flair, Horrorelementen und düsteren Geistererscheinungen strickte. Trotz einiger Längen konnte mich die Autorin sehr gut unterhalten und schürt große Vorfreude auf die Fortsetzung im Herbst. Wer sich gemeinsam mit einer starken, intelligenten Hauptfigur auf mörderische Spurensuche in einer faszinierenden Epoche begeben möchte, kein Problem mit zahlreichen Perspektivenwechseln und ein Faible für gruselige, unterhaltsame Storys hat, dem sei dieses Jugendbuch von Herzen empfohlen. Ich freue mich sehr auf die Fortsetzung!

Meine Wertung:

4of5


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7 Comments

  • Reply {Resumé} Gelesen, genossen, zugeklappt 5|15 | Büchernische 31. Mai 2015 at 22:14

    […] Buchtipp im Monat Juni sein. Eingestiegen in diesen Lesemonat bin ich mit Libba Brays »The Diviners: Aller Anfang ist böse«, das ich bereits im März begonnen hatte und mich mit seinen 704 Seiten wirklich lange […]

  • Reply NiWa 14. Mai 2015 at 14:02

    Hallo Sandra,

    was für ein schöner Artikel! Ich bin beeindruckt, denn was du hier geschrieben hast, mag man gar nicht mehr als „schlichte“ Rezension bezeichnen.

    Jetzt hast du mir auf jeden Fall wieder große Lust auf das Buch gemacht. Ich trage es schon seit Erscheinen auf meiner Wunschliste herum, aber es gab dann einige Meinungen, die mich verunsichert haben. Aber gut, ich denke, nun ist es an der Zeit mir ein eigenes Bild davon zu machen.

    Vielen Dank für diesen Beitrag!

    Liebe Grüße,
    Nicole

    • Reply Sandra 14. Mai 2015 at 16:34

      Liebe Nicole,

      wie schön, dass ich dich mit meiner Euphorie anstecken konnte. Trotz ein paar kleiner Kritikpunkte hat mich das Buch wirklich beeindruckt. Ehrlich gesagt fällt es mir gar nicht so leicht, für solch guten Bücher Worte in einer Rezension zu finden. Darum freut mich dein Kompliment umso mehr :))

      Ich hoffe, es gefällt dir ebenso gut wie mir. Viel Freude mit den Diviners.

      Liebe Grüße
      Sandra ♥

  • Reply Annabella 13. Mai 2015 at 19:46

    Das Buch liegt auch noch auf meinem SUB. Es ist aber doch erst C. Morley geworden. Als nächstes ist aber dieses hier dran und wie ich sehe kann ich es bedenkenlos in die Hand nehmen.

    Wunderschöner Artikel, wie immer!:-)

    LG
    Anja

    • Reply Sandra 15. Mai 2015 at 11:36

      Danke liebe Annabella ♥ Morley ist auch ein echter Literaturschatz, sehr empfehlenswert und ein vollkommen anderes Kaliber als ‚The Diviners‘, das ja im Jugendbuchgenre angesiedelt ist. Viel Freude mit dem ganz besonderen Buchladen :)

      Liebe Grüße
      Sandra

  • Reply Shaakai 13. Mai 2015 at 18:14

    Also, Deine Buchbesprechung ist ganz herrlich geworden und Du hast es geschafft, mir auch das Buch, um das ich schon ein wenig rumschlich, schmackhaft zu machen. Mir, als Liebhaber dieser Epoche und ihrer Raffinessen, war natürlich auch sogleich das Cover ins Auge gesprungen, doch war ich etwas skeptisch, inwieweit das Buch mich doch überzeugen kann und nicht zu abgedreht fantasy- oder esoteriklastig wird. Aber Du hast es so angenehm beschrieben und mit solch‘ einer Euphorie, daß Du jedenfalls mir einen großen Schwung gegeben hast, es doch lesen zu wollen :)

    Einen ganz lieben Gruß an Dich!

    Shaakai

    • Reply Sandra 13. Mai 2015 at 19:00

      Liebe Shaakai,

      eigentlich sollte ich dich mit deinem richtigen Namen ansprechen, den ich gerade im Impressum vorgefunden habe. Wenn ich ein neues Gesicht hier sehe und es einen Link gibt, werde ich immer neugierig. Du hast einen wunderwunderschönen Namen ♥ ganz außergewöhnlich schön!

      Doch zurück zum Kommentar: Ich saß an dieser Rezension bestimmt vier Stunden, feilte hier und da, dort und anderswo und war schließlich so zufrieden, dass ich sie noch am selben Tag, ohne die nächtliche Bedenkphase, online gesetzt habe. Darum freue ich mich umso mehr, dass ich dich nun neugierig machen konnte. Esoteriklastig: nein, eher nicht, es geht eher in die Richtung Geisterbeschwörungen, Okkultismus, etc. Fantasyelemente finde ich jetzt so direkt auch nicht, natürlich ist Übersinnliches nicht real, ich jedenfalls vermag daran nicht recht zu glauben. Doch es schwirren keine Hexen auf Besen durch die Stadt noch tauchen Zauberer mit Unsichtbarkeitsumhängen auf :))

      Ich bin gespannt, wie es dir gefallen wird. Dein Blog ist sehr interessant, eine Neuentdeckung für mich und ich folge dir mal mehr oder weniger unauffällig.

      Liebe Grüße
      Sandra

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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