Rezensionen

Buchtipp August: John Boyne – Der Junge auf dem Berg {Kinderbuchrezension}

26. August 2017

Kindernische, März 2016

Mein erstes Buch nach einer längeren Lesepause ist zugleich eines, auf das ich aus purem Zufall gestoßen bin. Nachdem mich im Frühling der fabelhafte Auftakt des Highfantasy-Epos »Der Name des Windes« von Patrick Rothfuss begeistern konnte, griff ich nun zu einem Buch mit einem von mir sehr gern gelesenen Thema. Natürlich ist mir der Name John Boyne geläufig. Mit ihm verbinde ich seinen vor fast zehn Jahren erschienenen Roman »Der Junge im gestreiften Pyjama«, das ich selbst erst vor wenigen Jahren gelesen und welches mich sowohl tief berührt als auch sehr nachdenklich zurückgelassen hat. Die Verfilmung, unterlegt vom Soundtrack des schmerzlich vermissten Filmmusikkomponisten James Horner, gehört aus meiner Sicht mit zu den besten Buchverfilmungen der letzten zehn Jahre.

Als ich nun vor ein paar Tagen erfuhr, dass der Autor ein weiteres Buch mit Weltkriegsthematik im Fischer Verlag veröffentlichen würde, wanderte »Der Junge auf dem Berg« ohne zu Zögern in meinen Warenkorb. Erfreulicherweise hat mich der Brite mit seiner fabelhaften Schreibe nicht enttäuscht. Er hat erneut eine Geschichte niedergeschrieben, die ich loslassen, und doch gleichzeitig beständig im Kopf belassen möchte.

Der Junge auf dem Berg

1936. Der siebenjährige Pierrot lebt gemeinsam mit seiner Mutter Émilie in einer kleinen Wohnung in Frankreichs Hauptstadt. Nachdem er seine Eltern auf tragische Weise verlor, verbringt er einige Zeit in einem französischen Waisenhaus, bis ihn schließlich seine Tante Beatrix zu sich in ihren Haushalt nach Deutschland holt. Beatrix ist Hauswirtschaftlerin auf einem Berghof mitten in den bayrischen Alpen. Nicht irgendein Berghof. Es handelt sich um Hitlers Sommerresidenz. Im Laufe der kommenden Monate und Jahre wird der Junge zunehmend in Hitlers Bann gezogen und ist bereit, bis zum Äußersten zu gehen…

Der Junge auf dem Berg, Fischer Verlag, buechernische-blog.de, Fotografie Sandra Zabel, Büchernische, Kindernische, Kinderbuchrezension

Es begann harmlos…

»Der Junge auf dem Berg« beginnt harmlos, leise und unschuldig. Es ist die Geschichte einer tiefen, von Geburt an bestehenden Freundschaft zwischen einem deutschstämmigen, in Frankreich aufgewachsenen Jungen namens Pierrot und seinem gleichaltrigen, jüdischen Freund Anshel. Es ist eine besondere Freundschaft, denn Anshel ist gehörlos. Im Laufe der Jahre haben die beiden Jungen eine eigene Gebärdensprache entwickelt, mit der sie sich verständigen können. Niemand der beiden ahnt, was der Krieg in den kommenden Jahren anrichten würde. Während Boyne seinen Protagonisten in kindlicher Naivität in Sicherheit wog, begriff mein mit historischem Hintergrundwissen informierter Verstand natürlich, was im Umfeld der Hauptfigur vor sich ging. Am liebsten hätte ich manchmal laut „wach auf!“ gebrüllt, während ich an anderer Stelle meine Hand schützend über das Kind ausbreiten wollte.

„Ich darf nicht mehr über meine Freunde sprechen, ich darf meinen Namen nicht mehr benutzen“, sagte Pierrot verdrossen. „Gibt es noch was, das ich nicht tun darf?“ – Seite 122

Auch ich konnte nicht ahnen, wie gnadenlos und gleichzeitig auf seltsame Weise faszinierend die kommenden 300 Seiten auf mich wirken würden. Boynes Schreibe zog mich unwiderstehlich mit sich. Ich blätterte Seite um Seite um und bemerkte gar nicht, wie schnell die Zeit verging. Drei Stunden später schlug ich das Buch zu, lehnte mich zurück und musste erst einmal durchatmen.

Keine einfache Lektüre

Diese Lektüre würde keine Leichte werden, das war mir von vornherein klar. Ich habe mein literarisches Erlebnis mit »Der Junge im gestreiften Pyjama« noch allzu intensiv in Erinnerung, muss jedoch gestehen, dass meine literarische Begegnung mit Pierrot und seiner Verwandlung im Laufe der Kriegsjahre noch um einiges verstörender auf mich wirkt. Es war erschreckend mitzuerleben, wie sich aus dem unschuldigen, naiven Kind ein junger Mann entwickelte, der der vermeintlich charismatischen Macht eines Wahnsinnigen anheimfiel. Von Seite zu Seite fiel es mir schwerer, meine aufbrodelnden Wutgefühle in Zaum zu halten. Ein für mich besonders seltsames Gefühl war es, den Namen meines ehemaligen Heimatortes zu lesen. Über den Ort, in dem ich aufgewachsen bin, in seinem geschichtlichen Zusammenhang zu lesen, machte mich sehr nachdenklich und ließ gleichzeitig Schauer über meinen Rücken laufen.

»Der Junge auf dem Berg« ist eine Mahnung, ein rot blinkendes Warnschild. Passenderweise ist das Buch von einem Cover umgeben, dessen Farbgebung von der nationalsozialistischen Flagge inspiriert worden zu sein scheint. Dieser Roman, welcher vom Verlag in der Sparte Kinderbuch angeboten wird, ist so viel mehr als nur ein rund 300 Seiten umfassendes Buch – keines, das man einmal lesen und anschließend für immer unberührt ins Bücherregal stellen würde. John Boyne schreibt über die unbequeme Wahrheit, wühlt auf, ließ mich erschrocken einatmen und hoffen, dass der zarte, zerbrechliche Geist Pierrots Widerstand leisten würde. Wie oft war ich fassungslos und fand Parallelen zu unserer Gegenwart – in einer Zeit, in der viele Menschen mit leeren, simplen Phrasen leicht zu beeinflussen sind und man alles daran setzen muss, Widerstand gegen Hass zu leisten und gleichzeitig der heranwachsenden Generation Lehren aus der Vergangenheit mitzugeben.

Mein Fazit: Mein erster Gedanke nach dem Umblättern der letzten Seite war: „Das Buch sollte zur Pflichtlektüre an Schulen werden.“ Der Altersempfehlung ab 12 Jahren kann ich mich anschließen, allerdings wäre eine Begleitung von Erwachsenen mit dem zugehörigen Hintergrundwissen sinnvoll, um die Zusammenhänge besser verstehen zu können. Für noch jüngere Leser empfiehlt sich beispielsweise »Flügel aus Papier«. John Boyne hat mich mit seinem jüngsten Werk nachhaltig beeindruckt, bewegt, verstört und nachdenklich im Lesesessel zurückgelassen. Trotz oder gerade wegen der schwierigen Thematik kann ich nur eine unbedingte Leseempfehlung aussprechen. Man kann gar nicht genug aufrütteln und daran erinnern, wie schmal der Grat zwischen blindem Hass und gesundem Menschenverstand ist.


Der Junge auf dem Berg | John Boyne
Fischer Verlag | August 2017 | ab 12 Jahren
Hardcover, 304 Seiten | 978-3-522-20230-5 | 16,99€
zum Buch beim Verlag


 

You Might Also Like

6 Comments

  • Reply Nana 27. August 2017 at 14:39

    Eine wundervolle Besprechung!

    LG Nana

  • Reply -Leselust Bücherblog- 27. August 2017 at 12:28

    Hallo Sandra,
    Stünde das Buch nicht sowieso schon ganz oben auf meiner Wunschliste –spätestens nach dem Lesen deiner Rezension hätte es diesen Platz sicher!
    Ich war damals auch begeistert und bewegt von „Der Junge im gestreiften Pyjama“, deswegen wollte ich den neuen Boyne natürlich auch lesen. Ich hatte aber ein paar Bedenken, ob der Autor an seine grandiose Leistung würde anknüpfen können. Was du auf Twitter über „Der Junge auf dem Berg“ geschrieben hast, hat mir diese Sorge aber genommen und mich dann noch neugieriger auf die Geschichte gemacht.
    Ein so wichtiges Thema und ich finde es sehr gut, dass es hier auch für Kinder aufbereitet wurde. Aber auch mich als erwachsene Leserin bestimmt ein besonderes Leseerlebnis, da gerade diese naive Sichtweise des Kindes etwas mit einem macht –wie du ja in deinem Text auch beschreibst. Wirklich eine ganz tolle Rezension. Danke dafür.
    Liebe Grüße, Julia

  • Reply Leselaunen 26. August 2017 at 18:46

    Das Buch fasziniert mich total. Habe es nun schon des Öfteren gesehen und finde die Handlung sehr spannend.

    Neri, Leselaunen

    • Reply Sandra 26. August 2017 at 20:11

      Liebe Neri,

      ich kann es dir wirklich nur ans Herz legen. Vielleicht liest du in der Buchhandlung mal hinein, aber vorsicht: Es könnte gut sein, dass du es dann mit nach Hause nehmen musst. :)

      Liebe Samstagsgrüße
      Sandra

  • Reply Kathrin 26. August 2017 at 17:27

    Ach, liebe Sandra, du ahnst nicht, wie schön es ist, hier von dir zu lesen und noch dazu über eine bewegte Boyne-Lektüre! Ich freue mich für dich, dass dich nach so langer Zeit wieder ein Buch derart in seinen Bann ziehen konnte, es dich zum Bloggen verführen konnte – und noch dazu ein Buch eines meiner Lieblingsautoren. :) Ich habe die englische Ausgabe im Januar gelesen – es war mein erstes Buch des Jahres und dann gleich ein Highlight. Es ging mir wie dir nun: Ich konnte und wollte es nicht aus der Hand legen, tat dies nur, wenn ich musste. Und ich erlebte etwas, dass ich seit sehr langer Zeit nicht mehr erlebte: Ich war derart in das Buch vertieft, dass ich die Welt um mich kaum noch wahrnahm und wenn ich Lesepausen machen musste sowie nach Beenden des Buches war ich wie weggetreten – mit den Menschen um mich herum zu reden, mich am Alltag zu beteiligen, fiel mir schwer. Ich fühlte mich wie in einer Blase und das Gelesene füllte meinen Kopf komplett aus. Und ja, ich gebe dir Recht: Das Buch zeigt so deutlich die Parallelen zu den aktuellen Entwicklungen weltweit auf und umso mehr bestürzt es mich, dass die Erwachsenen nicht erkennen, dass sie auf die gleichen Manipulationen hereinfallen wie die Menschen in den 1930ern. Und es hat mich beim Lesen wütend gemacht, zu sehen, wie Pierrot sich verändert – ich war wütend auf ihn, aber vor allem auch auf die Politik und Gesellschaft damals, die Kinder derart für ihre Ziele missbrauchen und manipulieren; Kinder, denen die Erfahrung und das Wissen fehlen, solche Propaganda, Taktiken und inhaltlosen Floskeln zu durchschauen …

    John Boyne hat wieder einmal ein wichtiges Buch geschrieben, das hoffentlich auch viele erwachsene Leser finden wird.

    PS: Gelungen fand ich auch die kleine Verbindung zu „Der Junge im gestreiften Pyjama“.

    • Reply Sandra 26. August 2017 at 17:32

      Liebe Kathrin,

      du findest Worte, die ich zu finden bisher noch nicht im Stande war und ja, ich gebe dir zu 100% Recht. Es ist schwierig, nach dieser Lektüre zurück in den Alltag zu finden, der wie wir beide erkannt haben, leider durchaus schon Parallelen aufweist. Es ist an uns zu verhindern, dass die Situation derart ausartet wie damals. Ich sehe jeden Tag Julias Miene, wenn sie Nachrichten mitbekommt, über Krieg und Zerstörung liest, uns Fragen über den schwelenden, kalten Konflikt zwischen Ost & West stellt. Sie sind es, die darunter am meisten zu leiden haben. Man muss sich dieser Konsequenz mal bewusst werden, und nicht nur egoistisch über das Jetzt & Hier sprechen. Am schwierigsten ist es der Generation begreiflich zu machen, die im Grunde schon resigniert hat. Meine Schwiegereltern z.B. – was geht es uns denn an, uns betrifft das nicht mehr. Tja. Was soll man dazu sagen…

      Danke für deine Worte. Das Buch hat mich dazu gebracht, wieder zu bloggen. Warten wir ab, wie oft ich dazu kommen werde und wie viel Muse ich habe.

      Ich umarme dich. ♥

      Liebe Grüße
      Sandra

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

    %d Bloggern gefällt das: