Autoren hautnah

{Autoren hautnah} Was geschah im Knusperhäuschen? Ein Jahr danach.

4. April 2015

Einen schönen Samstag liebe Leser,

Autoreninterviewheute habe ich etwas ganz Besonderes für euch. Schon länger plane ich im Hintergrund der Nische Interviews mit den Menschen, die uns mit ihren wundervollen Geschichten unterhalten. Dazu gehören auch Gespräche mit Figuren aus eben diesen Geschichten. Ich bin schon öfter auf diese spannende Art und Weise, intensivere Blicke auf Buchcharaktere zu werfen, gestoßen und dachte mir, dass könnte doch auch eine klasse Sache für die Nische sein. Gesagt. Getan! Der erste Besucher ließ auch nicht lange auf sich warten. Heute vormittag klopfte es an der Nischentür: Jakob Wolff, höchstpersönlich, leibhaftig und in Farbe – und ziemlich nassgeregnet. Kein Wunder, bei diesem Aprilwetter! Nun werden sich ein paar von euch sicher fragen, wer denn mein mysteriöser Gast sei? Dazu blicken wir zurück ins Jahr 2014, als ein ganz bestimmtes Buch erschien.

So finster, so kalt.

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Lesehighlight 2014

Vor einem Jahr, am 1. April 2014 erschien im Verlag Droemer Knaur Diana Menschigs Märchenadaption »So finster, so kalt«, in der uns die Autorin die wahre Geschichte über Hänsel und Gretel und ihrer Begegnung mit der Hexe und dem Knusperhäuschen erzählt. Jakob Wolff, der maßgeblich an der Aufklärung der Geschichte mitgewirkt hat, war so freundlich, uns ein paar Fragen zu beantworten.

Achtung Spoiler! Dieses Gespräch wird all diejenigen unter euch, die das Buch noch nicht gelesen haben, Informationen liefern, die sehr viel über die Geschichte & Figuren verraten. Es soll ja vorkommen, dass jemand »So finster, so kalt« noch nicht gelesen hat. Ich halte es zwar für recht unwahrscheinlich, weil dieses Buch wirklich klasse ist, aber man kann ja nicht alles gelesen haben. Oder? :)

Herzlich willkommen und vielen Dank, dass du Zeit gefunden hast. Wie geht es dir und Merle heute?

Jakob Wolff: „Ich bedanke mich für die Einladung! Ja, wie soll es uns gehen? Sehr unspektakulär, würde ich sagen, und offen gestanden bin ich nach den ganzen Ereignissen damals auch nicht traurig darum. Ich bin an meinen Lehrstuhl nach Freiburg zurückgekehrt und Merle hat in der Stadt eine Teilzeitstelle in einer Anwaltskanzlei gefunden. Die Wochenenden verbringen wir dann meist in Steinberg, manchmal auch in Hamburg, wo wie ja beide noch einige Freunde haben.“

In Hamburg seid ihr euch zum ersten Mal begegnet. Manche Leser fanden das einen sehr großen Zufall.

„Ja, das habe ich auch gehört.“ Er lacht. „Als wir uns mit Menschig über die Umsetzung der Geschichte als Buch gesprochen haben, hat sie uns erklärt, dass in der Realität manchmal Dinge passieren, die in einem Roman als völlig unrealistisch abgelehnt würden. Auf die Schilderung von Merles und meinem ersten Treffen haben wir bestanden, weil es sich so zugetragen hat. Auch an meinem Namen haben sich einige Leser gestört, aber was soll ich machen? Ich heiße nun einmal so! Einen Dialog zwischen Merle und mir über den Mädchennamen meiner Mutter hat Menschig allerdings rausgestrichen.“

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Weil?

Er grinst. „Sie hieß vor ihrer Heirat Rothut. Monika Wolff, geborene Rothut.“

Das glaube ich jetzt nicht!

„Siehst du? Menschig hat genau diese Reaktion vorhergesagt. Es stimmt aber. Und am Ende war es ein unwichtiges Detail, daher waren wir bereit, darauf zu verzichten.“

Wo du gerade von Details sprichst: Als Leser musste ich schon sehr aufpassen, mir all die vielen Andeutungen zu merken und später zuzuordnen.

Ja, das stimmt. Menschig, und auch später die Lektorin haben schon sehr darauf geachtet, dass wir alles gut erklären. Für mich war das sehr schwierig: Das ist, als ob ich jemandem erkläre, dass ein Pferd vier Beine hat, obwohl das Tier gerade vor mir steht. Es ist für mich zu selbstverständlich… Vielleicht sollte ich jedem raten, den Roman ein zweites Mal zu lesen. Wenn man nämlich weiß, dass das Knusperhäuschen eine aktive handelnde Rolle einnimmt, erklärt sich vieles von selbst.“

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So zum Beispiel die Zeugung des Nachkommen von Hans und Greta…

„Genau! Viele fragen sich, warum Greta das getan hat. Die schlichte Antwort lautet, dass es nicht ihre Entscheidung war. Das Knusperhäuschen hatte in dieser frühen Phase noch sehr viel Macht. Es wollte das gefährliche Wesen aus seinem Umfeld verbannen, um Hans zu schützen und zugleich eine Verbindung aufrechterhalten. Man darf nicht vergessen, dass sein oberstes Ziel die Vernichtung von Greta war. Sie einfach zu verscheuchen war definitiv keine Option!“

Du sprichst vom Knusperhäuschen als… Persönlichkeit?

„Ja, strenggenommen ist das auch wieder falsch, ich weiß. Das Haus war bis zu Hans‘ Eingreifen ein ganz normales Schwarzwaldhaus. Damit, dass er seine damalige Bewohnerin in die Esse gestoßen hat, fing das ganze Drama an.“

Mit Bewohnerin meinst du die Hexe, die das Wesen Greta in ihre eigene Höllendimension zurückgeschickt hätte, wenn Hans nicht dazwischen gegangen wäre.

„Ich bevorzuge den Begriff Druidin. Aber ja, das ist richtig. Sie hatte sehr viel Macht und Wissen, das heute längst verloren ist. Sie hat das Knusperhäuschen beseelt.“

Wie geht es dem Knusperhäuschen heute?

„Das ist eine schwierige Frage. Ich hatte erwartet, dass mit Gretas Vernichtung, Hans‘ Tod auch die mystischen Elemente verschwinden. Meiner Meinung nach hätte das Haus verfallen müssen. Es wurde vierhundert Jahre lang ausschließlich magisch gepflegt, da müsste es doch vielleicht sogar komplett zusammenbrechen? Tatsache ist, dass das Haus nach dem Showdown ein paar… Verschleißerscheinungen gezeigt hat. Aber das war nichts, was man nicht mit Werkzeug und ein paar Stunden Arbeit wieder hinbekommen hat. Mir erscheint das Knusperhäuschen immer noch… seinen Bewohnern gegenüber sehr aufmerksam.“

Wie sehen Merle oder Ronja das?

„Sie finden das ganz normal. Aber vor allem Merle ist in dem Haus aufgewachsen, sie kennt es nicht anders. Mir kommt es manchmal unheimlich vor, wobei ich nichts Schlechtes sagen kann, im Gegenteil.“ Er überlegt. „Sagen wir: Es ist manchmal zu schön, um wahr zu sein.“

Ich verstehe. Du bist dir also unsicher, ob noch etwas von der Druidin zurückgeblieben ist. Hieße das, dass auch ein Teil von Greta noch in unserer Welt verblieben sein könnte?

„Das wäre logisch, oder? Auch wenn mir der Gedanke nicht gefällt, ich halte das für möglich. Ich werde jedenfalls wachsam bleiben.“

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Und Hans? Könnte er auch noch hier sein? Oder ein Teil von ihm?

„Nein, da sind wir sehr sicher, dass er seinen Frieden gefunden hat. Merle hat ihm zum Gedenken neben dem Baum im Verbotenen Garten einen neuen Apfelbaum-Setzling gepflanzt. Dort hat sie auch seine Aufzeichnungen vergraben. Die hatte er übrigens wirklich selbst angefertigt, mit Hilfe eines Urenkels. Das haben wir anhand weiterer Unterlagen von Merles Großmutter Mago herausgefunden.“

Das heißt, die Unterlagen waren gefälscht und ihr Inhalt trotzdem authentisch.

„Ganz genau.“

Lieber Jakob, das waren viele Fragen und eine Menge Antworten. Ich danke dir sehr, dass du uns zur Verfügung gestanden hast und wünsche dir und Merle das allerbeste für die Zukunft.

„Danke! Diesen Wunsch gebe ich gern zurück!“

Ich hoffe, euch hat unser kleines Gespräch gefallen. Vielleicht konnte ich ja den einen oder anderen von euch neugierig auf Dianas spannende Märchenadaption machen? Das würde mich sehr freuen. Und wenn ihr Lust habt, weitere Autoren- und Charakterinterviews in der Nische zu lesen, dann schreibt mir einfach in den Kommentaren.

Das nächste Interview steht schon in den Startlöchern. Ich habe mich mit Renée Holler, der sympathischen Autorin von »Die Diebe von London« über ihr Kinderbuch unterhalten. Seid gespannt!

Ich wünsche euch einen entspannten, restlichen Feiertag

sandra_signed

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2 Comments

  • Reply {Bloggeburtstag} 3 Jahre Blog- & Lesefreude | Büchernische 13. Juli 2015 at 09:38

    […] Artikel habe ich in den letzten Jahren geschrieben, mit den Autoreninterviews & dem Blogtalk am Wochenende zwei neue regelmäßige Aktionen eingeführt, fast 300.000 […]

  • Reply Mina 4. April 2015 at 23:01

    Liebe Sandra!
    Eine tolle Idee, die Du da umsetzt.
    Ich habe allerdings das Interview noch nicht gelesen, da Du die Spoiler-Gefahr erwähnt hast und das Buch noch auf meinem SuB liegt. :) Sobald ich es gelesen habe, werde ich den Rest Deines Beitrags lesen.

    Liebe Grüße und tolle Ostern an Euch Vier!
    Mina

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