Rezensionen

Ariel Magnus – Zwei lange Unterhosen der Marke Hering {Buchrezension}

28. September 2012

Einen herbstlichen Gruß ins Wochenende liebe Leser,

nach ein paar Buch-Neuvorstellungen und Neuerscheinungen gibt es heute mal wieder eine Rezension zu lesen. Es geht um ein Buch, das mich bewegt hat, nachdenklich machte und wieder ein wenig die Augen öffnete, über das Vergeben, das Vergessen und Vergangenes. Ariel Magnus hat nicht irgendein weiteres Buch über die Gräuel des Nationalsozialismus geschrieben, er hat nicht einen weiteren Bericht einer Überlebenden des Holocaust heruntergeschrieben. Nein, er hat das Buch über seine eigene Großmutter geschrieben, die ihrer Mutter bis nach Auschwitz folgte, bis zu letzt bei ihr sein wollte und für sie da sein wollte. Bevor ich zu meiner Bewertung komme, stelle ich euch das schlanke, aber feine Büchlein ein wenig vor…

Worum geht es?

Zwei lange Unterhosen der Marke HeringAriel Magnus, seines Zeichens argentinischer Autor bekannt für sein Buch »Ein Chinese auf dem Fahrrad« reiste zusammen mit seiner Großmutter durch Argentinien, Brasilien und Deutschland, auf den Spuren ihrer Vergangenheit. Es ist eine schlimme Vergangenheit, denn seine Großmutter, Oberhaupt einer großen Familie über mehrere Generationen, war eine jüdische Krankenschwester und überlebte den Krieg nur knapp. Sie entrann dem Tod im Konzentrationslager und wäre in Ausschwitz beinahe gestorben, hätte ein Offizier nicht verhindert dass sie ihrer Mutter in die Gaskammern folgte…

Mit Humor und Lebensfreude durch die Vergangenheit

Das mit nicht ganz 180 Seiten recht schlanke und auch kleinformatige Buch zeigt uns das Leben und die Persönlichkeit einer Frau geboren in den Zwanzigern des 20. Jahrhunderts, die ganz und gar nicht ins Klischee einer Holocaust-Überlebenden passt. Magnus Großmutter raubt Nerven, hat die eine oder andere Macke, bringt zum Lachen und hat so viel Lebensfreude unter dem Herzen, dass man stellenweise kaum merkt, was sie durchmachen musste. Doch spätestens beim Bohren nach Details stößt die alte, quirlige aber auch anstrengende alte Dame an ihre Grenzen. Ihr Enkel versucht beharrlich, aber einfühlsam, seine Großmutter dazu zu bewegen, halbwegs chronologisch aus ihrem Leben zu berichten. Die Erzählungen wechseln zwischen den drei Aufenthaltsorten der beiden kapitelweise hin und her, von Deutschland über Argentinien bis nach Brasilien. Mir als Leser fiel es manchmal recht schwer, den Ausführungen zu folgen, da Ariel Magnus die Interviews beinahe eins zu eins auf Papier brachte. Bisweilen fügte er Kommentare [in eckigen Klammern] hinzu, was auch absolut notwendig für das Verständnis des Lesers war, vieles wäre sonst nicht nachvollziehbar gewesen. Die alte Dame spricht mehr oder weniger ohne Punkt und Komma, beendet manche Sätze nur ansatzweise, was das Lesen teilweise recht anstrengend gestaltete. Aber man gewöhnte sich nach einer Weile daran, dass manche Textbausteine einfach bewusst ausgelassen wurden. Es macht den Charm der Frau, ja des ganzen Buches aus. Es brachte Authentizität rüber, alles andere hätte nicht zum Erzählstil gepasst, hätte nicht zu dieser bemerkenswerten Dame gepasst, vor dem man nur seinen Hut ziehen kann.

Meine Oma, soviel wird schon klargeworden sein, würde die Rolle einer Überlebenden in einem Film über den Holocaust nicht sehr zufriedenstellend ausfüllen. Es sei denn, der Regisseur hieße Woody Allen.

Schon der Titel des Buches weist darauf hin, dass es eben nicht einfach nur ein Bericht über die Vergangenheit ist, sondern sehr viel Persönliches darin zu finden ist. Die langen Unterhosen sind nicht nur symbolisch, sie spielen noch eine Rolle im Buch, soviel sei erklärt ohne zuviel zu verraten. Der Leser erfährt, was es damit genau auf sich hat, was wiederum ist ein weiterer typischer Aspekt von „Oma“ ist, der mich zum Lachen brachte. Einige mögen nun den Titel des deutschen Buches kritisieren, ich bin der Meinung es passte perfekt zur Protagonistin. Im argentinischen Original trägt das Buch den Titel »La abuela«, was soviel wie Großmutter heißt.

Das Buch grenzt sich durch diese kleinen Details von den eher sachlich informativen Zeugenaussagen Überlebender ab. „Oma“ versinkt nicht im Selbstmitleid, wird aber durch Albträume geplagt, was nur allzu verständlich ist. „Oma“ möchte nicht bemitleidet werden, denn sie hat ja überlebt. Oft stellt sie fest, dass sie sich ja ganz gut gehalten hat: „Ich bin viel besser dran als die da, meine Hände zittern nicht“ meint sie, einen Reportage über eine alte Frau im Fernsehen betrachtend. Berechtigterweise stellt Ariel Magnus natürlich die Frage, warum „Oma“ denn immer wieder „ins Land ihrer Henker zurückkehrt“. Sehr langsam, Stück für Stück stoßen sie tiefer in die Vergangenheit vor, während Oma und Enkel viel gemeinsame Zeit miteinander verbringen, kulturelle Sehenswürdigkeiten sind da weniger wichtig als vielmehr das schicke »Kaufhaus des Westens« oder ein gutes Restaurant.

Sei betriebsam, erfülle deine Pflicht (Ludwig von Beethoven). Danke Oma. Danke Beethoven.

Ariel Magnus weiß den Leser zu unterhalten, jedoch verliert das Buch dadurch keineswegs an Ernsthaftigkeit oder wirkt zu überzogen. Es geht schließlich um ein sehr ernstes Thema, doch der Autor schaffte es immer wieder, mit trockenem Humor ein Lächeln auf meine Lippen zu zaubern. Jede Macke, jede Eigenart seiner Oma lässt Ariel Magnus in sein Buch einfließen und zeichnet damit ein äußerst intensives Portrait seiner Oma und teilweise auch seiner restlichen Verwandtschaft. Familiäre Beziehungen und Alltägliches verbinden sich mit der Lebensgeschichte der Familienmatriarchin. Man wird in diesem Buch keine Details des Grauens finden, es ist kein neuer Tatsachenbericht, es ist die Lebensgeschichte einer Frau, die zwar seit 50 Jahren in Brasilien lebt aber doch noch sehr engen Bezug zu Deutschland hat. Es ist ein unkonventionelles Buch, das mit Witz und Ironie durch ein schwieriges, bedrückendes Thema führt, den Fokus aber auf die zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der großen Familie Omas legt. In der Mitte des Buches erwartet den Leser eine kleine Überraschung, mehr verrate ich aber nicht.

Und es ist doch wahr, Freiheit ist das Größte, was es gibt, in jeder Sprache: liberdade.


Ariel Magnus | Zwei lange Unterhosen der Marke Hering. Die erstaunliche Geschichte meiner Großmutter
Übersetzung: Silke Kleemann | Originaltitel: La abuela, 2006
Kiepenheuer & Witsch | 1.9.2012 | Gegenwartsliteratur
Hardcover, 175 Seiten | 9783462044607 | 18,99€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Eine etwas andere Lektüre zur Vergangenheit Deutschlands, zum Grauen Holocaust, das mit Charm das Leben einer alten Dame und ihre Erlebnisse in dieser Zeitgeschichte darstellt! Sehr lesenswert, da ungewöhnlich!

Meine Wertung:
5of5

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