Rezensionen

Alex Morel – Survive: Wenn der Schnee mein Herz berührt {Buchrezension}

2. März 2013

Gemeinsam mit anderen Büchereulen habe ich in den letzten Tagen in der Leserwelt ein Buch gelesen, welches ich mir ertauscht habe. Als ich Alex Morels Debüt »Survive – Wenn der Schnee mein Herz berührt« aus dem Egmont Ink Verlag im Frühjahrsprogramm entdeckt hatte, hat es mich einfach aufgrund des Themas angesprochen und ich war gespannt, wie der in New Jersey lebende Autor die Thematik umgesetzt hat.

Kampf ums Überleben

surviveJane Solis hat keinen Lebensmut mehr, sie hat den festen Entschluss gefasst, Selbstmord zu begehen. Auf dem Rückflug zu einem Kurzurlaub bei ihrer Mutter möchte sie ihren Plan durchziehen, doch es kommt anders, als sie sich das vorgestellt hat. Das Flugzeug stürzt ab und Jane zählt neben Paul zu den einzigen Überlebenden des Unglücks. Inmitten der schneebedeckten Einöde eines unwirtlichen Gebirges muss sie gemeinsam mit Paul um ihr Überleben kämpfen und stellt fest, dass es sich durchaus lohnt, lebendig zu sein…

Eine gefrorene Rose liegt in weiblichen Händen, im Hintergrund sieht man eine verschneite Bergszene. Von der Farbgebung her gefällt es mir ganz gut, besser auch als das Original. Betrachtet man das Buch von weitem, erweckt es den Eindruck eines ausgefransten Buches, das schon viel mitgemacht hat. Wirft man einen genaueren Blick auf das Coverbild, fällt der Grungelook ins Auge, der sicherlich so gewollt ist und eine interessante Gesamtwirkung erzielt. Die Symbolik der gefrorenen Rose kann man nun unterschiedlich interpretieren: die zarten Triebe der Liebe, für immer bewahrt im Eis der Berge. (Un)vergänglich.

Gute Idee, blass umgesetzt.

Alex Morels Debüt widmet sich einem interessanten Thema, leider hapert es ein wenig an der Umsetzung, und ich denke auch an der Länge des Buches. 100 Seiten mehr hätten dem Plot sicherlich nicht geschadet, so aber hetzte ich für meinen Geschmack zu sehr durch die Eislandschaft, in der wir uns nach einem Flugzeugabsturz befinden. Es ist nicht verkehrt, ein wenig Tempo an den Tag zu legen, immerhin beschreibt Alex Morel einen Überlebenskampf, aber die Szenen sind einfach zu kurz geraten. Im Prinzip befindet sich ein lebensmüdes junges Mädchen namens Jane gemeinsam mit einem ebenfalls von Trauer bedrückten jungen Mann namens Paul mitten im Gebirge und muss um ihr Überleben kämpfen. Der Autor erfindet dabei das Rad nicht neu, denn – wer hätte das jetzt vermutet – hegen die beiden jungen Menschen alsbald Gefühle zueinander. Das mag man nun auf die Verzweiflung schieben, oder auf die Befürchtung, die Nacht nicht zu überleben.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass sich zwei Menschen in Gefahr recht schnell zueinander hinwenden, dass sie sich gegenseitig Wärme zu spenden suchen und dann, naja dann kommt oft eins zum Anderen. Diese Gefühlswelt, diese Angst, die Panik – einfach all diese Gefühle inmitten einer trostlosen, eiskalten, bedrohlichen Situation hat Alex Morel aber einfach zu rasant und vor allem viel zu flach dargestellt. Es fehlt an Intensität, Emotion. Und da setzt der Gedanke wiederum an, dass das Buch einfach zu kurz geraten ist. Gerade einmal 256 Seiten hat sich Alex Morel Zeit und Platz genommen, um zwei Menschen darzustellen, die verzweifelt auf der Suche nach Hilfe und nach Rückkehr in die Zivilisation streben und sich dabei ineinander verlieben. Viel zu wenig.

»Survive – Wenn der Schnee mein Herz berührt« ist ein Jugendbuch. Ich lese diese Art Geschichten viel und vor allem sehr gerne, nicht nur weil ich selbst Mama eines Teenagers bin. Ich kritisiere hier nicht die Charakterzeichnung aufgrund von Naivität oder Oberflächlichkeit, nein – ich kritisiere die zum Teil nur sehr wage angedeutete und recht sprunghafte Emotionalität. Auch stelle ich nicht das logische Konstrukt in Frage, denn wer sich wirklich in einer Notsituation befindet, handelt oft aus dem Bauch heraus, meist ohne nachzudenken. Das hat nichts mit dem Alter der Protagonistin zu tun, sondern mit der lebensbedrohlichen Situation an sich. Wir befinden uns im Schnee, alle Passagiere sind tot. Nahrungsmittel sind knapp und müssen streng rationiert werden. Trinkwasser muss aus geschmolzenem Schnee hergestellt werden. Der Albtraum eines jeden Fluggastes! Doch auch Pauls Verhalten stieß bei mir manchmal auf Unverständnis, allerdings schob ich dies in beiden Fällen auf die Wirkung des Absturzes, den damit verbundenen Stress und Schock. Rationales Handeln und Denken ist in solch einer Situation oft kaum möglich, dennoch entzog es sich beispielsweise meinem Verständnis, warum man sich in der heutigen Zeit, im Zeitalter von Blackbox und Satellitenüberwachung von einem Flugzeugwrack entfernt, weil man der Meinung ist, so besser gefunden zu werden. Vielleicht hat aber auch der Autor die Situation nicht gut genug erklärt.

Es fiel mir sehr schwer, mich in die Charaktere hinein zu versetzen. Manche Gedankengänge konnte ich einfach nicht nachvollziehen. Vieles wirkte konstruiert, fast künstlich an den Haaren herbeigezogen. Inwieweit die Protagonisten Identifikationspotential besitzen, möchte ich mir nun nicht anmaßen zu erörtern. Das möchte ich in diesem Fall wirklich der Zielgruppe überlassen.

Wenn ich heute Nacht in dieses Flugzeug steige, werde ich niemals zu Hause ankommen. Mein Körper wird in New Jersey landen, aber mein ich, der körperlose Teil, der in meinem Körper lebt, meine Seele, wenn ihr so wollt, wird das nicht tun. – Seite 11

Wirklich gelungen war der Schreibstil des Romans, locker und leicht, einfach zu lesen. Ich kam gut voran, aber stellenweise überkam mich ein wenig die Langeweile. Toll fand ich Janes trocken-sarkastische Art im Kontrast zum einfühlsamen Handeln Pauls, der ihr im Laufe der Geschichte wieder ein wenig Lebensmut einhauchte. Die Emotionen der jungen Frau köchelten eher unter der Oberfläche und wollten unter der Schutzhülle, die sie um sich herum aufgebaut hatte, nicht so recht ans Tageslicht gelangen. Daran kann auch die Ich-Perspektive nicht viel ändern, die ja für gewöhnlich viel zur intensiven Wirkung eines Charakters auf den Leser beiträgt.

Eine Pause erfüllt die Dunkelheit. Ich weiß nicht, woher ich all diesen Mut nehme, aber ich weiß, dass ich einen unkontrollierbaren Drang verspüre, nicht zu lügen. Von jetzt an nicht mehr. Nicht mehr lügen. Schluss. – Seite 105

Zuviel Tempo…

Der Plot dümpelte so vor sich hin, es fehlte einfach das gewisse Etwas. Man stelle sich vor, da ist ein junges Mädchen, das aus der Psychiatrie in den Urlaub entlassen wird, jedoch schon lange vorher geplant hat, sich auf eben jenem Flug nach Hause erneut das Leben zu nehmen. Janes Theorie, sie müsse das ja tun, da auch ihr Vater und sogar Urgroßvater freiwillig aus dem Leben schied, sei jetzt mal mit einem Stirnrunzeln bedacht. Liegt der Drang zum Suizid in den Genen? Ich weiß es nicht, ich halte das für eine persönliche Entscheidung. Was mir allerdings überhaupt nicht einleuchtet ist folgendes: Jane ist so clever, ihren Psychiater zu täuschen, um ohne, dass dieser Verdacht schöpft, auf eine Flugreise zu ihrer Mutter geschickt zu werden. Aber später, im weiteren Verlauf der Handlung ist von dieser Cleverness nicht mehr viel zu spüren. Lasst euch das mal bitte durch den Kopf gehen: Da wird eine Minderjährige in ein Flugzeug gesetzt, wo sie in aller Ruhe ihre Pillen einwerfen kann, die sie vorher in einem Drugstore gekauft hat und danach sogar von ihrer Betreuerin überprüft wurde. Die Handlung wirkt einfach an vielen Punkten viel zu konstruiert, von Anfang an. Da konnte ich einfach nur mit dem Kopf schütteln, denn mit menschlicher Unfähigkeit ist das nicht mehr zu erklären.

Jane entwickelt sich im Laufe der Handlung; sie stellt fest, dass das Leben doch lebenswert ist – nicht überraschend, aber ein guter Ansatz und zudem lehrreich: Egal wie schlimm das Leben einem manchmal mitspielt, es gibt immer einen Weg zurück ins Licht, Selbstmord ist dafür keine Lösung. Die Botschaft von »Survive« ist also durchaus positiv und vor allem im doppelten Sinne zu verstehen: Es ist ein Überleben in mehrfacher Hinsicht, der Kampf mit sich selbst und der Kampf gegen diese karge Schneelandschaft. Doch wo blieb dieses „der-das-Herz-berührt“? Wo war das „hochdramatisch“, das ich in der Buchvorstellung gelesen habe?

Das hochdramatische Abenteuer einer starken Heldin, die im erbitterten Kampf ums Überleben zu sich selbst findet und dabei ihrer großen Liebe begegnet. Aufreibend, ergreifend und herzzerreißend!

Aus welchem Grund wird man derart durch die Seiten getrieben, als ob man schnell zum Schluss kommen müsste? Lieber Alex Morel, ein bisschen weniger Tempo – ein wenig öfter innehalten – hätte dem Buch wirklich gut getan.

»Alles ist möglich«, antwortet er schließlich. »Du musst es nur zuerst hinkriegen, auch daran zu glauben.« – Seite 166

Warum ich dieses Buch noch mit drei Leseherzen bewertet habe? Nun, das lag schlicht und einfach am starken Finale. Alex Morels Entscheidung, sein Buch so zu beenden, entlockte mir dann doch einen gefühlvollen Seufzer, ich werde aber natürlich nicht verraten warum. Immerhin, das Ende hat es im wahrsten Sinne des Wortes nochmal „herausgerissen“ und so landet das schneeberührte Überlebenstraining mit drei Punkten auf der Tauschbuchliste.


Alex Morel | Survive – Wenn der Schnee mein Herz berührt
Egmont Ink | Januar 2013 | 14 bis 17 Jahre
Hardcover, 256 Seiten | 978-3863960476 | 14,99€
zum Buch beim Verlag


Mein Fazit: Ein Jugendbuch mit interessantem Grundthema, allerdings zu schwacher Umsetzung. Durchaus spannend, aber definitiv zu kurz geraten. Wenn man nicht zuviel Tiefgang und Emotionalität erwartet und logische Schwächen verkraftet, kann es eine unterhaltsame, kurzweilige Lektüre sein!

Meine Wertung3of5

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8 Comments

  • Reply Gelesen, genossen & zugeklappt – Resumé Februar 2013 | Büchernische 28. März 2015 at 23:55

    […] das Debüt des US-Schriftstellers Alex Morel, welcher sich mit seinem jugendlichen Survivalroman »Survive – Wenn der Schnee mein Herz berührt« erschienen bei Egmont Ink nicht so recht in mein Herz schreiben konnte. Zu blass und […]

  • Reply Anika 4. September 2013 at 15:34

    Ich habe schon länger überlegt, mir das Buch zu kaufen, aber mich dann doch immer für ein anderes entschieden.
    Wenn ich deine Rezi lese, war das vielleicht gar nicht so dumm. Sollte unsere Bibliothek das Buch allerdings irgendwann anschaffen, werde ich es auf jeden Fall lesen.

  • Reply ColourfulMind 3. März 2013 at 13:25

    Oh, das ist ja schade. Ich hab das Buch auch noch hier auf dem SuB liegen und hatte eigentlich recht hohe Erwartungen an die Geschichte.
    Aber ich mag es auch nicht, wenn ein Autor so durch die Geschichte hetzt. Hm, ich werd es wohl auch demnächst lesen, wenn auch jetzt wohl mit weniger Vorfreude. :)

    Liebe Grüße <3

    • Reply Buechernische 3. März 2013 at 13:59

      Huhu liebe Julia,

      ich wollte nun nicht die Lust aufs Lesen verderben, aber das ist meine ehrliche Meinung. Ich denke, dass ich das Ganze auch etwas kritischer betrachte, auch unter dem Aspekt, dass ich zur Generation 30+ gehöre. Lies es einfach einmal und dann gucken wir mal, wie es dir gefällt, ok? :-)

      Liebe Grüße
      Sandra

    • Reply ColourfulMind 3. März 2013 at 15:18

      Ach quatsch, das hast du jetzt nicht. Ich hab ja auch schon sehr viele geteilte Meinungen zum Buch gehört, deswegen ist meine Vorfreude seit dem Spontankauf eh schon ein wenig gesunken. :)

      • Reply Buechernische 4. März 2013 at 09:15

        Morgäään Julia,

        ja, das kenne ich.. ich hab mir auch schon öfter Bücher enthusiastisch vorbestellt und dann fielen die Kritiken – auch die meinige – nicht soo gut aus. Aber so ist das eben manchmal :)

        Einen guten Wochenstart ♥

        Liebe Grüße
        Sandra

  • Reply Kora 3. März 2013 at 11:20

    Eine sehr schön analysierende Rezension ist dir hier gelungen, wobei du den Worten einmal mehr eine sehr persönliche Note verleihst. Auch wenn der durchschlagende Erfolg des Leseerlebnisses für dich auf wackeligen Beinen stand, so macht deine Einschätzung dennoch neugierig auf die Geschichte, finde ich.

    Herzliche Schnee(ge)stöbergrüße, Kora

    • Reply Buechernische 3. März 2013 at 13:55

      Huhu liebe Kora,

      erst einmal möchte ich ganz lieb danke sagen, du bist sooo oft hier und nimmst dir Zeit für Kommentare. Ganz lieben Dank dafür ♥ auf wackligen Beinen stand ich im Schnee, berührt war ich nur ansatzweise… da wäre mehr drin gewesen. Aber es ist kein schlechtes Debüt, nur hat es eben bei mir einfach nicht seine gewünschte Wirkung erzielt.

      Liebe Knuddelgrüße
      Sandra

    Ich freue mich auf euer Feedback :-)

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